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Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie


 AWMF-Leitlinien-Register  Nr. 030/031   Entwicklungsstufe:  1 
Zitierbare Quelle:
Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie; 4. überarbeitete Auflage 2008, S. 654 ff, ISBN 978-3-13-132414-6; Georg Thieme Verlag Stuttgart

Ataxien

Was gibt es Neues?

Die wichtigsten Empfehlungen auf einen Blick


Allgemeine Einführung


Friedreich-Ataxie

  1. Definition
  2. Die Friedreich-Ataxie (FRDA) wird autosomal-rezessiv vererbt. Zu den typischen klinischen Zeichen gehören:

    Diese klinischen Zeichen haben eine Spezifität von mehr als 90% und eine Sensitivität von etwa 70%. Etwa 30% aller FRDA-Patienten haben einen Erkrankungsbeginn nach dem 25. Lebensjahr oder erhaltene Muskeleigenreflexe. Die häufigsten zusätzlichen Symptome sind distale atrophische Paresen, Störungen der Tiefensensibilität und der Okulomotorik, Seh- und Hörstörungen, Skelettdeformitäten, hypertrophische Kardiomyopathie und Diabetes mellitus.
    Mehr als 95% aller FRDA-Patienten sind homozygot für eine GAA-Repeat-Expansion im ersten Intron des Frataxin-Gens, die übrigen sind compound-Heterozygote mit einer Repeat-Expansion auf einem Allel und einer Punktmutation auf dem anderen Allel.

  3. Diagnostik
  4. Therapie
  5. Idebenon (5 mg/kg/d) reduzierte in einer kontrollierten Studie an 29 FRDA-Patienten die echokardiographisch gemessene Myokardhypertrophie, beeinflusste aber nicht die neurologische Symptomatik (⇑) (Mariotti et al. 2003). In einer sechsmonatigen kontrollierten Studie an jugendlichen, gehfähigen FRDA-Patienten führte Idebenon in einer Dosis von 15 und 45 mg/kg/d zu einer Besserung der Ataxie (­), während eine Dosierung von 5 mg/kg/d keine Unterschiede gegenüber der Plazebo-Behandlung aufwies (Di Prospero et al. 2007a). Hohe Dosen von Idebenon sind gut verträglich (Di Prospero et al. 2007b).
    In einer nicht kontrollierten Studie an 10 FRDA-Patienten über 47 Monate verbesserten Coenzym Q 10 (400 mg/d p. o.) und Vitamin E (2100 IU/d p. o.) den Energiestoffwechsel des Myokards und der Skelettmuskulatur. Die Behandlung führte außerdem zu einer Verbesserung von echokardiographisch gemessenen Parametern der Myokardfunktion. Bei einigen Patienten waren die Ataxie-Scores besser, als aufgrund früherer Beobachtungsstudien erwartet (⇔) (Hart et al. 2005).
    Zurzeit lässt sich keine generelle Empfehlung zur Verordnung von Idebenon oder anderer Substanzen bei der FRDA geben.


Ataxie-Teleangiektasie

  1. Definition
  2. Ataxie-Teleangiektasie (AT) ist eine autosomal-rezessiv vererbte Multisystemkrankheit, die meist in der frühen Kindheit beginnt und zu schwerer Behinderung und vorzeitigem Tod führt. Ursache sind Punktmutationen des ATM-Gens. Die neurologischen Hauptsymptome sind progressive Ataxie, Bewegungsstörungen und okulomotorische Apraxie. Zusätzliche Krankheitsmanifestationen sind okulokutane Teleangiektasien, erhöhte Radiosensitivität, gestörte Immunabwehr und eine erhöhte Neigung zu malignen Tumoren.

  3. Diagnostik
  4. Im Einzelfall ist eine molekulargenetische Diagnostik erforderlich (wegen der Vielzahl der beschriebenen Mutationen ist eine Routinediagnostik nicht möglich).

  5. Therapie


Andere rezessive Ataxien

  1. Definition
  2. Neben der Friedreich-Ataxie (FRDA) und der Ataxie-Teleangiektasie (AT) gibt es andere autosomal-rezessiv vererbte Ataxien, die in der Regel vor dem 20. Lebensjahr beginnen.
    Bei vielen autosomal-rezessiven Ataxien sind die Genmutation und der daraus resultierende biochemische Defekt bekannt. Autosomal-rezessiv vererbte Ataxien ohne bekannten genetischen oder biochemischen Defekt werden als früh beginnende zerebelläre Ataxie bezeichnet. In Tabelle 1 sind einige autosomal-rezessive Ataxien aufgeführt. Auswahlkriterien waren die Häufigkeit des Vorkommens in Mitteleuropa und die Behandelbarkeit der Ataxie.

    Tabelle 1: Autosomal-rezessive Ataxien

    Krankheit Gen Labortest
    Autosomal-rezessive Ataxie mit okulomotorischer Apraxie Typ 1 (AOA1) Aprataxin Albumin ⇓
    Molekulargenetik
    Autosomal-rezessive Ataxie mit okulomotorischer Apraxie Typ 2 (AOA2) Senataxin α-Fetoprotein ⇑
    Molekulargenetik
    Ataxie mit isoliertem Vitamin-E-Defizit (AVED) α-Tocopherol-Transferprotein Vitamin E ⇓
    Abetalipoproteinämie Mikrosomales Triglyzerid-Transferprotein VLDL ⇓, LDL ⇓,
    Vitamin E ⇓
    Akanthozytose
    Refsum-Krankheit Phytanoyl-CoA-Hydroxylase Phytansäure ⇑
    Zerebrotendinöse Xanthomatose Sterol-27-Hydroxylase Cholestanol &⇑
    Früh beginnende zerebelläre Ataxie mit erhaltenen Muskeleigenreflexen Unbekannt Unbekannt

  3. Diagnostik
  4. Therapie
  5. Für Abetalipoproteinämie, AVED, Refsum-Krankheit und zerebrotendinöse Xanthomatose sind rationale Therapien etabliert, die auf der Kenntnis des zugrunde liegenden biochemischen Defekts beruhen und deren Wirksamkeit durch nicht kontrollierte Beobachtungen belegt ist.
    Bei AOA1 ist unter bestimmten Bedingungen ein Therapieversuch mit Coenzym Q 10 vertretbar. Kontrollierte Studien, die die Wirksamkeit der Therapien belegen, sind wegen der Seltenheit der Krankheiten nicht durchgeführt worden.

    3.1 Autosomal-rezessive Ataxie mit okulomotorischer Apraxie Typ 1 (AOA1)

    3.2 Abetalipoproteinämie

    3.3 AVED

    3.4 Refsum-Krankheit

    3.5 Zerebrotendinöse Xanthomatose


Fragiles X-Tremor-Ataxie-Syndrom (FXTAS)

  1. Definition
  2. Fragiles X-Tremor-Ataxie-Syndrom (FXTAS) ist eine bei älteren männlichen Trägern einer FMR1-Prämutation auftretende neurologische Störung, die durch ausgeprägten Aktionstremor und zerebelläre Ataxie gekennzeichnet ist. Zusätzlich können kognitive Störungen und weitere neurologische Symptome auftreten. Für eine isolierte Ataxie ist ein FXTAS nur in Ausnahmefällen verantwortlich.
    T2-gewichtete und FLAIR-Magnetresonanztomographie-Bilder zeigen charakteristische hyperintense Läsionen der mittleren Kleinhirnstiele, des zerebellären und supratentoriellen Marklagers, die für die Diagnose wegweisend sind.
    FMR1-Prämutationen treten in der männlichen Bevölkerung mit einer Frequenz von etwa 100:100000 auf. Die Penetranz der FMR1-Prämutation ist altersabhängig. Eine vollständige Penetranz besteht erst jenseits des 80. Lebensjahrs.

  3. Diagnostik
  4. Therapie
  5. Zur Therapie des FXTAS gibt es keine Studienergebnisse. Da der Tremor dem essentiellen Tremor ähnelt, kann eine symptomatische Therapie des Tremors wie beim essentiellen Tremor versucht werden (siehe Leitlinie Tremor).


Dominante Ataxien / spinozerebelläre Ataxien

  1. Definition
  2. Die autosomal-dominant vererbten zerebellären Ataxien (ADCA) werden nach genetischer Nomenklatur als spinozerebelläre Ataxien (SCA) bezeichnet. In den letzten Jahren wurden mehr als 25 genetische Subtypen nachgewiesen. Die vier häufigsten Subtypen (SCA1, SCA2, SCA3 und SCA6, Tab. 2) machen in Mitteleuropa etwa 70% aller SCA-Krankheiten aus. Molekulargenetische Testuntersuchungen für SCA1, SCA2, SCA3 und SCA6 werden von zahlreichen humangenetischen Instituten angeboten. Je nach klinischer Symptomatik können nach Ausschluss dieser Subtypen noch weitere molekulargenetische Untersuchungen für seltenere SCAs durchgeführt werden. Neben den SCAs kommen dominant vererbte Ataxien im Rahmen der (in Deutschland bisher nicht beschriebenen) dentato-rubralen-pallido-luysianen Atrophie (DRPLA) und autosomal-dominant vererbter Prion-Krankheiten vor.
    Dominante Ataxien können auch bei leerer Familienanamnese vorliegen. Dies gilt insbesondere für die spät beginnenden Formen wie die SCA6.
    Eine umfassende und laufend aktualisierte Übersicht über Genetik und Klinik der SCAs findet sich im Internet: www.neuro.wustl.edu/neuromuscular/ataxia/domatax.html (externer Link).

    Tabelle 2: Die vier häufigsten Subtypen der spinozerebelläre Ataxie (SCA)

      Mutation Genprodukt Klinischer Phänotyp
    SCA1 Translatierte CAG-Repeat-Expansion Ataxin-1 Ataxie, Pyramidenbahnzeichen, Neuropathie, Dysphagie
    SCA2 Translatierte CAG-Repeat-Expansion Ataxin-2 Ataxie, langsame Sakkaden, Neuropathie
    SCA3 Translatierte CAG-Repeat-Expansion Ataxin-3 Ataxie, Pyramidenbahnzeichen, Ophthalmoplegie, Neuropathie, Dystonie, Restless-Legs-Syndrom
    SCA6 Translatierte CAG-Repeat-Expansion Kalziumkanal-Untereinheit (CACNA1A) Nahezu rein zerebelläre Ataxie

  3. Diagnostik
  4. Im Einzelfall ist eine augenärztliche Untersuchung erforderlich.

  5. Therapie


Episodische Ataxien

  1. Definition
  2. Die episodischen Ataxien sind autosomal-dominant vererbte Krankheiten, die durch kurze Episoden von Ataxie charakterisiert sind. Die episodische Ataxie Typ 1 (EA-1) ist auf Mutationen in einem Kaliumkanal-Gen zurückzuführen. Sie ist durch Episoden mit einer Dauer von Sekunden bis Minuten gekennzeichnet, die durch Schreck oder körperliche Anstrengung provozierbar sind und im Laufe des Lebens an Häufigkeit abnehmen. Zwischen den Attacken können Myokymien der Gesichts- und Handmuskulatur auftreten.
    Ursache der episodischen Ataxie Typ 2 (EA-2) sind Mutationen in einem Gen für einen Kalziumkanal. Die EA-2 zeichnet sich durch längere ataktische Perioden von 15 Minuten bis zu mehreren Tagen aus. Auslöser sind Stress und körperliche Betätigung. Häufig werden die Attacken von Schwindel, Übelkeit und Erbrechen begleitet. Bei etwa der Hälfte der Patienten besteht zusätzlich eine Migräne, in wenigen Fällen eine Epilepsie. Zwischen den Attacken findet sich häufig bei älteren Patienten ein leichtes, langsam progredientes zerebelläres Syndrom.

  3. Diagnostik
  4. Therapie
  5. Belegt durch überzeugende Einzelfallbeobachtungen und aufgrund der Kenntnis der zugrunde liegenden Pathophysiologie wird eine Behandlung mit Acetazolamid (62,5-700 mg/d p. o.) empfohlen (⇔) (Griggs et al. 1978). Acetazolamid ist bei EA-2 deutlich wirksamer als bei EA-1. Formale Studien, die die Wirksamkeit von Acetazolamid belegen, sind wegen der Seltenheit der Krankheiten nicht durchgeführt worden.
    Bei 3 Patienten mit EA-2 verhinderte 4-Aminopyridin (3 × 5 mg/d p. o.) das Auftreten von Attacken (⇔) (Strupp et al. 2004). Die Substanz ist in Deutschland nicht als Arzneimittel zugelassen.


Sporadische degenerative Ataxien des Erwachsenenalters und Multisystematrophie (MSA)

  1. Definition
  2. Sporadische degenerative Ataxien des Erwachsenenalters sind Krankheiten unklarer Ätiologie, die durch progressive Ataxie und einen Krankheitsbeginn im Erwachsenenalter gekennzeichnet sind. Einem Teil der sporadischen Ataxien liegt eine Multisystematrophie (MSA) zugrunde. Die Diagnose einer sporadischen degenerativen Ataxie lässt sich nur nach sorgfältiger Suche nach hereditären und erworbenen Ataxien sowie einer sporadischen Prion-Krankheit stellen. Bis zu 20% aller Patienten mit sporadischer Ataxie mit Beginn im Erwachsenenalter und negativer, informativer Familienanamnese haben SCA-Mutationen, am häufigsten SCA6. Bei den sporadischen Ataxien, die auf eine MSA zurückzuführen sind, sind neben der Ataxie schweres autonomes Versagen und/oder ein Parkinson-Syndrom vorhanden (siehe Leitlinie Parkinson-Syndrome).

  3. Diagnostik
  4. Therapie
  5. Eine medikamentöse Therapie der Ataxie ist nicht möglich. Nicht-Ataxie-Symptome, z. B. autonome Symptome, Parkinson-Symptome und Schlafstörungen im Rahmen einer MSA sind teilweise einer symptomatischen Therapie zugänglich. Dazu wird auf die entsprechenden Leitlinien verwiesen.


Alkoholische Kleinhirndegeneration

  1. Definition
  2. Die alkoholische Kleinhirndegeneration ist eine Folge der chronischen Alkohol-Krankheit. Klinisch steht eine sich innerhalb weniger Wochen oder Monate entwickelnde Stand- und Gangataxie im Vordergrund. Neben der toxischen Wirkung von Alkohol werden Folgen einer begleitenden Fehlernährung, insbesondere Vitamin B1-/Thiamin-Mangel als Ursachen diskutiert. Nach Alkoholabstinenz stabilisiert oder bessert sich das Krankheitsbild.

  3. Diagnostik
  4. Im Einzelfall sind weitergehende Untersuchungen zur Abklärung anderer Alkohol-Organschäden erforderlich.

  5. Therapie


Paraneoplastische Kleinhirndegeneration

  1. Definition
  2. Bei der paraneoplastischen Kleinhirndegeneration (PCD) handelt es sich um eine mit bösartigen Tumoren assoziierte Autoimmunkrankheit, die vor allem beim kleinzelligen Bronchialkarzinom, Ovarialkarzinom, Mammakarzinom und bei malignen Lymphomen auftritt. Im Gegensatz zur PCD betrifft die paraneoplastische Enzephalomyelitis/sensorische Neuronopathie (PEM/SN) multiple Regionen des Zentralnervensystems, die Hinterwurzelganglien und das autonome Nervensystem. Bei 20% der Patienten mit PEM/SN ist Ataxie das Hauptsymptom. Bei mehr als 50% aller Patienten mit PCD können im Serum und Liquor Antikörper nachgewiesen werden, die mit vom Nervensystem und vom Tumor exprimierten Antigenen reagieren. Anti-Hu-Antikörper finden sich beim kleinzelligen Bronchialkarzinom, anti-Yo bei gynäkologischen Tumoren, anti-Ri beim kleinzelligen Bronchialkarzinom und gynäkologischen Tumoren und anti-Tr beim Morbus Hodgkin. Ein Fehlen der Antikörper schließt eine PCD oder PEM/SN nicht aus (siehe Leitlinien Paraneoplastische Syndrome).
    Die sich meist subakut entwickelnde Krankheit ist durch eine Stand-, Gang- und Extremitätenataxie, häufig auch durch Dysarthrie und Okulomotorikstörungen gekennzeichnet. In etwa 60% der Fälle tritt die neurologische Symptomatik vor Entdeckung des Tumors auf. Eine Kleinhirnatrophie entwickelt sich meist verzögert und ist bei Auftreten der neurologischen Symptome noch nicht vorhanden. Die neurologische Symptomatik ist meist schwer und persistierend.

  3. Diagnostik
  4. Bei negativem Ergebnis und weiterhin bestehendem Verdacht auf eine paraneoplastische Genese der Symptomatik Wiederholung der Tumorsuche in halbjährlichem Abstand über mindestens 3 Jahre.

    Im Einzelfall nützlich

  5. Therapie


Literatur

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Verfahren zur Konsensbildung

Erstellungsdatum:

04/2002

Letzte Überarbeitung:

10/2008

Nächste Überprüfung geplant:

k.A.


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Stand der letzten Aktualisierung: 10/2008
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HTML-Code aktualisiert: 26.03.2009; 13:14:45