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| Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften |
| AWMF-Leitlinien-Register | Nr. 028/031 | Entwicklungsstufe: | 1 |
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Folgende Definitionen sind erst im Erwachsenenalter von Bedeutung:
Eng verknüpft mit Suizidalität sind:
Bei Suiziden sind harte Methoden wesentlich häufiger. Bei Suizidversuchen dominieren Tabletteningestionen mit Schmerz- und Schlafmitteln (II, III). Weichen Methoden unterstellt man gemeinhin eine geringere Ernsthaftigkeit, was meistens, aber nicht immer zutrifft.
Die man aus Berichten von Überlebenden weiß, bleibt auch bei schweren Suizidversuchen bis zuletzt häufig eine gewisse Ambivalenz bestehen, die kurz vor der Handlung allerdings in den Hintergrund tritt. Eine spezifische Kategorie der Suizidversuche und Suizide ist bei Schizophrenen anzutreffen, da die Handlungen teilweise nur durch intrapsychische Stimuli ausgelöst werden (z.B. imperative Stimmen, schwere Wahnsymptome) und dadurch für Außenstehende völlig unberechenbar sein können (III).
Nach äußeren Kriterien
Hoher Schweregrad
Mittlerer Schweregrad
Leichter Schweregrad
Suizidversuch
Suizidversuche sind am häufigsten bei Jugendlichen, jungen Erwachsenen und beim weiblichen Geschlecht (III).
Suizid
Ziele der Anamnese
Auffinden von subjektiven und objektiven Belastungsfaktoren
Einschätzung des Risikos wiederkehrender suizidaler Handlungen
Die Risikoeinschätzung ist die zentrale Aufgabe und das Ziel der Diagnostik. Folgende Kriterien sprechen für ein hohes Risiko:
Abb. 64: Untersuchung und Behandlung der Suizidalität bei Kindern und Jugendlichen
An begleitenden Diagnosen sind zu erwarten:
An Persönlichkeitsmerkmalen sind zu erwarten (II):
Neurobiologie
Aufgrund der Heterogenität der Suizidalität ist nicht davon auszugehen, dass mit einem einzigen neurobiologischen Modell sämtliche Formen der Suizidalität erklärt werden können. Die meisten Untersuchungen, zum Teil auch mit positiven Befunden, sind zum Serotonin-System durchgeführt worden. Bei Suiziden und schweren Suizidversuchen sind Verminderungen von Serotonin bzw. Serotonin-Abbauprodukten im Liquor ermittelt worden. Allerdings ist die Befundlage kontrovers und die Bewertung der Befunde unsicher (III).
Genetik
Die meisten genetischen Studien untersuchten Suizidalität im Kontext mit koexistenten psychischen Störungen. Dabei fanden sich Anhaltspunkte, die für eine gewisse genetische Disposition sprechen. Es ist allerdings offen, ob sich dieser genetische Aspekt mehr auf die zugrunde liegende psychische Störung oder auf die Suizidalität selbst bezieht.
Umschriebene Entwicklungsstörungen
Wenn umschriebene Entwicklungsstörungen zu schulischen oder sozialen Misserfolgen oder zu Versagensängsten führen, können sie auch Suizidalität mitbedingen bzw. begünstigen.
Intelligenz. Eine gut durchschnittliche oder höhere Intelligenz schützt nicht vor Suizidalität, ist aber als allgemeiner protektiver Faktor und als Grundlage für die Entwicklung von Coping-Strategien und Perspektivenklärungen von Wert.
Körperliche Erkrankungen. Schwere und chronische körperliche Erkrankungen gehören zwar zu den Risikofaktoren der Suizidalität im Erwachsenenalter, bei Kindern und Jugendlichen ist dieser Effekt jedoch wesentlich geringer ausgeprägt.
Aktuelle abnorme psychosoziale Umstände. Mangel an Wärme, Vernachlässigung, Ablehnung, Misshandlung, Missbrauch, unzureichende elterliche Aufsicht oder Steuerung, Streit unter den Erwachsenen, Suizidalität und Depressivität der Bezugspersonen sind wesentliche Risiken für erhöhte Suizidalität.
Prävention
Prävention im Sinne der primären Suizidprophylaxe stellt nach wie vor ein Problem dar.
Grundsätzlich gibt es 2 Hauptrichtungen der primären Suizidprävention, die vermutlich nur in Kombination voll wirksam sind.
Im Kindes- und Jugendalter werden Präventionsprogramme im schulischen Rahmen präferiert. Dabei haben allgemeine Aufklärungskampagnen möglicherweise weniger Erfolg als eine intensivere Betreuung von belasteten Jugendlichen. Die Ergebnisse sind aber - wie in der gesamten Präventionsforschung - umstritten und uneinheitlich, teilweise aufgrund von methodischen Beschränkungen (Probleme der Randomisierung, geringe Einschätzbarkeit von Langzeiteffekten etc., III).
Krisenintervention
Das unmittelbare Vorgehen bei akuter Suizidalität, insbesondere nach Suizidversuch, wird üblicherweise als Krisenintervention bezeichnet. Ein wesentlicher Anteil dabei ist der Erstkontakt zu den Suizidgefährdeten. Für den direkten Umgang mit suizidalen Kindern und Jugendlichen gelten folgende Richtlinien:
Normalerweise sollte die Krisenintervention in eine zumindest kurze Fokaltherapie übergehen, was allerdings nur zu einem gewissen Anteil gelingt. Dies liegt sowohl an der schwankenden Motivation der Betroffenen selbst als auch an insuffizienten Behandlungsbedingungen.
Suizidversuche erfordern je nach Ausprägung unterschiedliche Vorgehensweisen.
Zu Beginn erfolgt eine kurze organmedizinische Phase, falls erforderlich (Wundversorgung, Ausnüchterung, Detoxikation), überlappend mit psychiatrischer Beurteilung und Krisenintervention.
Die Behandlung der Suizidalität im Stufenmodell
Initiale Phase/Erkennung der Umstände
Behandlung besonderer Problemfelder
Kognitive Strategien
Pragmatik der Durchführung
Ziele der Intervention
Behandlung der Hintergrundfaktoren
Die besten empirischen Belege für die Wirksamkeit psychotherapeutischer Verfahren zur Reduzierung von Suizidalität stammen von der kognitiven Verhaltenstherapie, der Interpersonalen Therapie (IPT), der Dialektischen Verhaltenstherapie (DBT) sowie von psychodynamischen und familientherapeutischen Vorgehensweisen (III). Teilweise liegen spezielle Therapiemanuale für Jugendliche vor (IPT, DBT).
Psychopharmakologische Behandlung
Zurückhaltung ist geboten bei der Verschreibung einer Medikation, die nicht überwacht werden kann und potenziell gefährlich ist. Dazu zählen prinzipiell alle, vor allem antriebssteigernde Antidepressiva (zumindest am Beginn der Behandlung, wenn die Antriebssteigerung der Aufhellung der Stimmung zuvorkommt - cave Aufklärung der unmittelbaren Bezugspersonen, erhöhte Überwachung). Benzodiazepine sind bei Hinweisen für ein Suchtverhalten nicht indiziert.
Für atypische Neuroleptika gibt es Hinweise für antisuizidale, z.T. auch phasenprophylaktische Effekte. Ähnliches gilt auch für Lithium und andere Stimmungsstabilisatoren.
Sollten diese Medikamente noch nicht für Minderjährige zugelassen sein, müssen Jugendliche und Eltern speziell aufgeklärt werden (Off label use). Alternativ und wirkungsverstärkend können niederpotente Neuroleptika eingesetzt werden.
Postvention
Die längerfristige Aufrechterhaltung von Kontakten zu suizidgefährdeten Menschen (jedweden Alters), längerfristige und individuell angepasste Therapien sowie die Verhütung bzw. Bearbeitung von Suizidversuch-Rezidiven ist eine wichtige und schwierige Aufgabe. Hier wiederholen sich die meisten Themen, die im Therapieteil aufgeführt worden sind.
Bei anhaltender akuter Suizidalität ist auch im Kindes- und Jugendalter eine geschlossene Unterbringung erforderlich. Änderungen im Gefährdungszustand sind zu dokumentieren.
Die Betreuung der Freunde und Angehörigen bei vollzogenem Suizid wird noch gelegentlich vernachlässigt, ist aber gerade aufgrund suizidpräventiver Gesichtspunkte (Imitation, Folgesuizide) notwendig. Dies gilt besonders für geschlossene Gemeinschaften wie Schulklassen, Klinikstationen oder Peergroups.
Jetzige Bearbeiter dieser Leitlinie
H. Braun-Scharm, F. Poustka, U. Gmelin
Korrespondenz an:
PD Dr. med. Hellmuth Braun-Scharm
Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie
Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie
Virngrund-Klinik
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