AWMF online |
| Arbeitsgemeinschaft der
Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften |
| AWMF-Leitlinien-Register | Nr. 025/017 | Entwicklungsstufe: | 1 |
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| Krankheitsbezeichnung: | β-Thalassämie (ICD-10 D 56.1) |
| α-Thalassämie (ICD-10 D 56.0) |
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Als Indikation für den Beginn der Transfusionsbehandlung gilt ein wiederholtes Absinken der Hämoglobinkonzentration auf unter 8 g/dl. Bei typischen klinischen Symptomen kann auch bei konstanten Werten leicht oberhalb dieser Hämoglobinkonzentration der Beginn eines regelmäßigen Transfusionsprogrammes indiziert sein. Der empfohlene Basis-Hämoglobingehalt zur permanenten, wirksamen, weitgehenden Suppression der endogenen Erythropoese beträgt 9-10,5 g/dl 40. Als Transfusionsintervall wird i.d.R. ein 3-wöchiger Abstand empfohlen. Die Transfusionsmenge beträgt bei einem Hämatokrit des Erythrozytenkonzentrates von 60% meist 12-14 ml/kg/KG, der Ziel-Hb 13-13,5g/dl. Kürzere Transfusionsabstände mit entsprechend geringerem Transfusionsvolumen sind möglich und vor allem für Patienten mit kardialen Problemen anzustreben; wesentlich längere Transfusionsintervalle sind zu vermeiden. Es sollten möglichst frische, Untergruppen-kompatible Erythrozytenkonzentrate, verwendet werden. Patienten, die mit einer Stammzelltransplantation behandelt werden und negativ für CMV-IgG sind, werden mit Erythrozytenkonzentraten CMV-negativer Spender transfundiert.
Der Beginn der Eiseneliminationstherapie ist indiziert, wenn die Serum-Ferritinkonzentration bei der regelmäßigen Bestimmung wiederholt oberhalb von 1000ng/ml liegt (und ein vorübergehender, z.B. inflammationsbedingter, Anstieg ausgeschlossen scheint) oder wenn der Lebereisengehalt 3,2 mg/g Lebertrockengewicht übersteigt 29, 30. Je nach Transfusionsmenge werden diese Grenzwerte nach 10-20 Transfusionen erreicht. In die Entscheidung zum Beginn der Chelattherapie gehen vor allem bei Kleinkindern neben den genannten Parametern Überlegungen zur Nutzen-/Risikoabwägung unter Berücksichtigung bekannter Nebenwirkungen der Chelat-bildenden Medikamente (z.B. Wachstumsstörung bei zu frühem Beginn einer Therapie mit Deferoxamin) ein. Im Verlauf der Eiseneliminationstherapie ist die stetige Überprüfung der Chelatordosis in Relation zur vorliegenden Eisenüberladung wichtig, um die Balance zwischen Effektivität und Toxizität zu halten. Vor Beginn oder bei Anpassung der Chelattherapie muss das Ziel dahingehend definiert werden, ob eine Reduktion der bestehenden Eisenüberladung oder aber nur eine Vermeidung zusätzlicher Eisenablagerung angestrebt wird.
4.3.2. Eisenelimination mit Deferoxamin (Desferrioxamin, DFO, Desferal®)
Deferoxamin ist das bisher einzige für die Primärtherapie der transfusionsbedingten Hämosiderose bei allen zugrunde liegenden Erkrankungen zugelassene Medikament. Beim Kleinkind mit Thalassaemia major beginnt die Behandlung in der Regel ab dem vollendeten 3. Lebensjahr. In einigen Fällen, vor allem bei frühem Beginn der Transfusionsbehandlung und/oder einem großen Transfusionsbedarf, ist die Chelattherapie bereits deutlich früher indiziert und sollte dann nach Abwägung von Indikation und potentiellen Risiken in Rücksprache mit einem in der Behandlung von Thalassämiepatienten erfahrenen Zentrums ggf. in einer niedrigen Deferoxamin-Dosierung (~20 mg/kgKG/d) begonnen werden (siehe Flussdiagramm I 2-1). Die Standardtherapie mit Deferoxamin besteht in einer täglichen subkutanen Infusion in einer Dosis von (20)-40-(50) mg/kgKG mit einer tragbaren Pumpe über 10-12 Stunden über Nacht an 5-7 Tagen je Woche 30. Eine Verabreichung der Tagesdosis über einen längeren Infusionszeitraum ist hinsichtlich Verträglichkeit und Effektivität prinzipiell empfehlenswert. Die prospektive Dosisanpassung erfolgt auf Grundlage der regelmäßig untersuchten Serum-Ferritinkonzentration bzw. des Lebereisengehaltes (Biopsie, SQUID-Biosuszeptometrie, evtl. MRT).
Vitamin C (50-100 mg pro Tag) verbessert die Eisenelimination mit DFO, ist aber nur bei nachgewiesenem Vitamin-C-Mangel absolut indiziert; in dieser Dosierung aber auch ohne Nachweis eines Mangels bei Patienten ohne kardiale Probleme unbedenklich einsetzbar. Eine Substitution darf erst nach einigen Wochen nach Initiierung der Chelattherapie begonnen und dann täglich frühestens 30 Minuten nach Start der subkutanen Infusion verabreicht werden 30.
Die Nebenwirkungen von Deferoxamin (Wachstumsstörung, Knochenschäden, Hochtonschwerhörigkeit, Netzhautschäden) und Empfehlungen zu deren Vorbeugung (Verlaufsdiagnostik und Dosisanpassung) müssen strikt beachtet werden.
4.3.3. Eisenelimination mit Deferipron (DFP, L1, Ferriprox®)
Deferipron ist ein oral verabreichbarer Chelatbildner, der seit 2001 in Deutschland zur Behandlung der transfusionsbedingten Eisenüberladung bei Patienten mit Thalassaemia major zugelassen ist. Die aktuelle Zulassung schränkt die Indikation auf die Patienten ein, bei denen Behandlung mit Deferoxamin "kontraindiziert oder inadäquat ist". Es wird daher vor allem als Zweit-Linien-Medikament bei Patienten mit Eisenüberladung und Non-Compliance mit der subkutanen DFO-Therapie eingesetzt. Die Standarddosis beträgt 75 mg/kg/d (max. 100 mg/kg/d) in 3 Einzeldosen, die möglichst gleichmäßig über 24 Stunden verteilt werden sollen 3, 17. Eine Empfehlung zur zusätzlichen Vitamin-C-Supplementierung gibt es nicht.
Wegen der Gefahr der Entwicklung einer Neutropenie (bei 5-6,5% der behandelten Patienten) / Agranulozytose (0,5-1,2 %)3, 11 werden vom Hersteller im ersten Anwendungsjahr wöchentliche Blutbildkontrollen empfohlen. Andere potentielle Nebenwirkungen sind vor allem gastrointestinale Symptome (zum Teil erheblich), Arthralgien (meist transient), Zinkmangel (selten) und ALT-Erhöhungen (ohne Leberfunktionsstörung, meist transient).
4.3.4. Aussicht
Im 3. Quartal 2006 erfolgt voraussichtlich die Zulassung des neuen oral zu verabreichenden Chelatbildners Deferasirox (ICL670, Exjadeâ) in Europa. Für das Medikament ist auf der Grundlage umfassender klinischer Studien (einschließlich einer randomisierten Studie im Vergleich zu Deferoxamin) die Zulassung für die Primärtherapie der transfusionsbedingten Hämosiderose bei allen zugrunde liegenden Erkrankungen beantragt 5, 27. Sollte die Zulassung in der genannten Indikation und für alle Altersgruppen erfolgen, wird dies die Eiseneliminationstherapie auch für Patienten mit Thalassaemia major grundlegend ändern. Deshalb wird zu diesem Zeitpunkt eine Aktualisierung der Leitlinie zur Behandlung der Thalassaemia major vorgenommen werden müssen. Aus diesem Grund werden zum jetzigen Zeitpunkt (vor Zulassung des Medikamentes) an dieser Stelle keine detaillierten Empfehlungen zu Dosierung und Therapieüberwachung gegeben.
4.3.5. Intensive Eiseneliminationstherapie
Einige Patienten entwickeln trotz der verordneten Chelattherapie, meist aufgrund einer mangelnden Compliance, eine schwere Eisenüberladung mit der Gefahr der Entwicklung oder bereits ersten Manifestationen von siderose-bedingten Organschäden. Zur raschen Detoxifikation (Bindung labilen, nicht an Transferrin gebundenen Eisens) und anhaltenden Reduktion der Eisenüberladung (Elimination von Speichereisen) ist bei diesen Patienten eine intensive Eiseneliminationsbehandlung notwendig. Eine intensive Chelattherapie sollte erwogen werden, wenn der Serum-Ferritinwert bei wiederholter Messung > 2500 ng/ml ist (und ein vorübergehender, z.B. inflammationsbedingter, Anstieg ausgeschlossen scheint), die Lebereisenkonzentration 15(-20) mg/g Lebertrockengewicht überschreitet und/oder Symptome einer siderose-bedingten Organerkrankung, insbesondere einer Myokardsiderose oder eines Diabetes mellitus auftreten. Vor Beginn einer intensiven Eiseneliminationstherapie muss stets eine Untersuchung des Lebereisengehaltes erfolgen. Es wird empfohlen, bei Verdacht auf Notwendigkeit einer intensiven Chelattherapie unverzüglich Kontakt mit einem in der Behandlung von Patienten mit transfusionsbedingter Eisenüberladung erfahrenen Zentrum aufzunehmen. Das ist auch insbesondere vor dem Hintergrund potentieller, sehr schwerer Nebenwirkungen einer hochdosierten Deferoxamintherapie (Optikusneuropathie/-atrophie, pulmonale Komplikationen, Nierenfunktionseinschränkungen) von Bedeutung 14, 31. Mögliche Therapieoptionen beinhalten die kontinuierliche (24-stündige) subkutane, bei schweren Störungen intravenöse (über einen permanenten zentralvenösen Katheter) Infusionstherapie mit Deferoxamin 12, 24. Alternativ kann insbesondere bei kardialen Problemen eine Kombination von kontinuierlicher subkutaner (oder selten auch intravenöser) Deferoxamintherapie mit einer oralen Deferiprontherapie erwogen werden 2, 33.
Einige der Therapieoptionen (Kombinationstherapie, höher dosierte intravenöse Deferoxamintherapie) entsprechen nicht der Zulassung der jeweiligen Medikamente. Ihr Einsatz ist daher außerhalb von Studien im Sinne eines individuellen Heilversuches zu betrachten, mit der Notwendigkeit der entsprechenden Aufklärung und Führung des Patienten bzw. seiner Familie.
Bei akuter Herzinsuffizienz infolge einer Kardiomyopathie, schweren Herzrhythmusstörungen, diabetische Stoffwechselentgleisung und anderen Komplikationen ist eine entsprechende Notfallversorgung durchzuführen. Das Ausmaß der Herzinsuffizienz kann durch eine intensive Eiseneliminationstherapie verringert werden (s. Kap. 4.3.5.); aufgrund der potentiellen Nebenwirkungen sollte diese Therapie in enger Absprache mit einem in der Behandlung von Thalassämiepatienten erfahrenen Hämatologen erfolgen. Auch eine neu auftretende Störung der Glukosetoleranz ist bei einigen Patienten durch intensive Chelattherapie reversibel, bei Patienten mit manifestem Insulin-abhängigem Diabetes mellitus kann der Insulinbedarf eventuell reduziert werden 19.
Wichtig ist die intensive Zusammenarbeit mit pädiatrischen und internistischen Endokrinologen sowie Gynäkologen zur Planung der adäquaten Therapie siderose-bedingter endokriner Funktionsstörungen wie Hypogonadismus, Wachstumsstörungen, Glukoseintoleranz, Hypothyreose, Hypoparathyreoidismus und Hypocorticismus (selten) sowie Osteopenie/ Osteoporose.
4.4.2. Infektionen
Wegen der Gefahr einer bedrohlichen Yersiniensepsis muss bei hochfieberhaften Infekten, bei denen eine bakterielle Genese anzunehmen ist, die Chelattherapie unterbrochen und ein Yersinien-wirksames Antibiotikum, z.B. Co-trimoxazol, gegeben werden 1. Transfusionsassoziierte Infektionen sind insgesamt selten. Relevant erscheint hierbei vor allem die Hepatitis-C-Infektion, eine Seropositivität war bei 22% der Patienten der deutschen Thalassämiestudie zu diagnostizieren. Die auf Grundlage der publizierten Daten derzeit wirksamste Therapie für Thalassämiepatienten mit chronischer HCV-Infektion (vor allem bei HCV-Serotyp Ib) besteht in der Kombinationsbehandlung von (peg)Interferon-alpha und Ribavirin, die im Gegensatz zur (peg)Interferon-Monotherapie eine deutlich höhere Response-Rate erzielt (60-70% vs. 25-30%) 18, 25. Dabei ist der erhöhte Transfusionsbedarf aufgrund der Ribavirin-assoziierten Hämolyse (um bis zu 30%) sowie die Tatsache zu beachten, dass Hämoglobinopathien entsprechend der aktuellen Zulassung von Ribavirin eigentlich eine Kontraindikation darstellen.
Flussdiagramm 1. Diagnostik und Therapie der β-Thalassämie
Mitglieder der Expertengruppe:
H. Cario (Ulm), R. Dickerhoff (Bonn/St.-Augustin), S. Eber (München)*, H. Heimpel (Ulm)°, G. Janka-Schaub (Hamburg), G. Janßen (Düsseldorf), E. Kohne (Ulm), A. E. Kulozik (Heidelberg), M. Lakomek (Göttingen), K. Nassis-Klaus (Hamburg)^, C. Niemeyer (Freiburg), K. Stahnke (Ulm)
* niedergelassener Kinderarzt
° DGHO
^ Patientenvertreterin
Beratende wissenschaftliche medizinische Fachgesellschaften:
Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO)
Autoren:
H. Cario und E. Kohne
Leitlinienkoordination
Prof. Dr. Ursula Creutzig
Klinik und Poliklinik für Kinderheilkunde - Hämatologie/Onkologie -
Albert-Schweitzer-Straße 33
D-48129 Münster
