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Arbeitsgemeinschaft der
Wissenschaftlichen
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Fachgesellschaften

Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin


 AWMF-Leitlinien-Register  Nr. 020/005   Entwicklungsstufe:  3 
Zitierbare Quelle:
Pneumologie 2008; 62; 255-272

Tabakentwöhnung bei COPD

Inhalt

  1. Einleitung
  2. "Evidenz"darlegung der LL Tabakentwöhnung der COPD
  3. Erstellungsprozess
  4. Epidemiologie des Zigarettenrauches
  5. Tabakkonsum und Tabakabhängigkeit
  6. Tabakrauchen verursacht eine Vielzahl von Lungenerkrankungen
  7. Tabakrauchen als Ursache der COPD
  8. Passivrauchen als Ursache der COPD
  9. Tabakrauchen bei Patienten mit COPD
  10. Anamnese
  11. Diagnostik/Fragebogen
  12. Motivierende Beratung
  13. Effekte der Tabakentwöhnung
  14. Rauchreduktion ist keine Alternative zum Rauchstopp
  15. Integrierter Ansatz, Tabakentwöhnungprogramm
  16. Tabakentwöhnung in ambulanten und stationären Strukturen
  17. Medikamentöse Behandlung
  18. Prävention und gesundheitsökonomische Aspekte
  19. Qualitätsindikatoren
  20. Anhang
  21. Literatur


  1. Einleitung
  2. Die chronisch obstruktive Lungenerkrankung (chronic obstructive pulmonary disease, abgekürzt: COPD) ist eine der weltweit führenden Todesursachen und wird dennoch vielfach unterschätzt. Die kürzlich publizierten Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin und der Deutschen Atemwegsliga nehmen bereits zu Prävention, Diagnostik, Therapie und Rehabilitation Stellung. Aufgabe der vorliegenden Leitlinie ist es, die Tabakentwöhnung bei Patienten mit COPD als zentralen Aspekt der Therapie ausführlich abzubilden.

    Zur Verbesserung der Übersichtlichkeit sind die "evidenz"-basierten Aussagen blau hervorgehoben und die Hilfen zu deren Umsetzung grau unterlegt. Hinsichtlich dieser Hilfen wurde die größtmögliche Sorgfalt beachtet. Gleichwohl werden die Benutzer aufgefordert, die Fach- und Gebrauchsinformationen der Hersteller zu berücksichtigen.

    1.1 Adressaten und Anwendungsbereich

  3. "Evidenz"darlegung der LL Tabakentwöhnung bei COPD
  4. Die Aussagen in der Leitlinie werden auf Grundlage des Oxford Centre for Evidence-based Medicine [2] mit 1-5 bewertet. Empfehlungen werden analog der Nationalen Versorgungs-Leitlinie COPD mit Pfeilen (↑↑; ; ) versehen [3].

    Tabelle 1: Datenbewertungsgrundlage in Anlehnung an das Oxford Centre for Evidence-based Medicine [2]
    "Evidenz"grad Therapeutische Studien Epidemiologische Studien
    1 Metaanalyse randomisierter Studien oder randomisierte Studie Metaanalyse von prospektiven Kohortenstudien oder prospektive Kohortenstudie
    2 Metaanalyse von Kohortenstudien oder Kohortenstudie Metaanalyse von Fall-Kontrollstudien oder Fall-Kontrollstudie oder retrospektive Kohortenstudien
    3 Metaanalyse von Fall-Kontrollstudien oder Fall-Kontrollstudie Querschnittsstudien
    4 Fallserien Fallserien

    Die Überleitung in Empfehlungsgrade erfolgt unter Bezugnahme auf die Einteilung nach [4] und auf den aktuellen NVL Methoden-Report [5].

    Symbol vorliegende LL und NVL Beschreibung
    ↑↑Starke Empfehlung
    Empfehlung
    Empfehlung offen

    Neben dem "Evidenz"grad orientiert sich der Empfehlungsgrad an weiteren Kriterien, die in das formale Konsensverfahren einfließen. Dabei werden

    berücksichtigt.
    Eine ausführliche Darstellung zur Methodik der "Evidenz"darlegung und den zugrunde liegenden Materialien findet sich im Leitlinien-Report (www.awmf-leitlinien.de/020-005m.htm).

  5. Erstellungsprozess
  6. Der initial gebildete "Nukleus" hat Kontakt mit anderen Fachgesellschaften und Experten aufgenommen, existierende Publikationen gesichtet und eine Gliederung mit Zuordnung der Themenschwerpunkte zu einzelnen Experten vorgeschlagen. Entsprechend den internationalen Bemühungen zur Kooperation und Arbeitsteilung im Bereich der Leitlinienentwicklung wurden aktuelle, "evidenz"basierte nationale und internationale Leitlinien berücksichtigt: [3,6-25]
    Die Erstellung der Leitlinie, insbesondere die Literatursuche und -Bewertung wurde durch Herrn PD. Dr. H. Sitter, Institut für theoretische Chirurgie, Universität Marburg methodisch begleitet. In zwei zweitägigen Konsensuskonferenzen wurden die Aussagen und der Text unter Bezug auf die zugrunde liegende "Evidenz" modifiziert. Zusätzlich wurde das Dokument im Delphi-Verfahren mit allen Autoren kommuniziert und überarbeitet.

  7. Epidemiologie des Zigarettenrauchens
  8. Tabakrauch-assoziierte Erkrankungen und Todesursachen sind die am häufigsten vermeidbaren Gesundheitsprobleme in den Industrieländern. Nach den in Deutschland durchgeführten Mikrozensus-Umfragen raucht ca. 1/3 der Bevölkerung, wobei ca. 50% der rauchenden Männer und ca. ein Drittel der rauchenden Frauen angaben, mehr als 20 Zigaretten täglich zu rauchen [26].


    Abbildung 1: Entwicklung des Anteils der Raucher und Raucherinnen an der 25- bis 69-jährigen Bevölkerung Deutschlands 1984-2003. Angaben für 1984-86 beziehen sich nur auf die alten Bundesländer [27].

    Einer Untersuchung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zufolge rauchten im Jahr 2005 21% aller männlichen und 19% aller weiblichen Jugendlichen (Alter: 12-17 Jahre). Das Durchschnittsalter, in dem zum ersten Mal regelmäßig geraucht wurde, wird unverändert zwischen dem 13. und 14. Lebensjahr angegeben.
    In der Europäischen Union ist Deutschland unter den Ländern mit dem höchstem Tabakkonsum [6]. Bei Tabakkontrollmaßnahmen ist Deutschland in Europa unter den Schlusslichtern [28].

  9. Tabakkonsum und Tabakabhängigkeit
  10. Der Beginn des Tabakkonsums liegt in den meisten Fällen im Jugendalter. Neugier, soziale Verstärker und Attribute des Rauchens (Ausdruck für Werthaltungen, Opposition gegen Normen, Integration in die peer-group), Verfügbarkeit und Kosten sind Einflussfaktoren für einen Probierkonsum [29,30]. Die Ausbildung des gewohnheitsmäßigen Konsums wird ebenfalls durch soziale Rahmenbedingungen, insbesondere aber auch durch unmittelbare psychologische und neurobiologische Wirkungen des Tabakkonsums beeinflusst.
    Bei vielen Rauchern tritt ein Konsummuster auf, das mit einer Einschränkung der freien Willensbildung bezüglich Zeitpunkt und Umfang des Konsums verbunden ist. Merkmale einer Abhängigkeit sind die Unfähigkeit zur anhaltenden Abstinenz und ein Kontrollverlust [31]. Lernmechanismen sind entscheidend für Entstehung und Aufrechterhaltung abhängigen Verhaltens. Hierzu gehören Lernprozesse durch automatisierte Reiz-Reaktionskoppelung (klassische Konditionierung) sowie durch Verstärkung und Belohnung (operante Konditionierung). Da die Beschränkung auf einen einzelnen Inhaltstoff dem komplexen Zusammenspiel biologischer und psychologischer Faktoren beim abhängigen Rauchen nicht gerecht wird, wird in der vorliegenden Leitlinie der Begriff "Tabakabhängigkeit" statt "Nikotinabhängigkeit" verwendet.
    Belege für das Abhängigkeitspotential von Tabak ergeben sich aus der experimentellen Forschung zur neurobiologischen Wirkung von Nikotin [32]. Diese zeigt, dass Nikotin die pharmakologischen Eigenschaften einer Droge besitzt. Der entscheidende Wirkort für die Verstärkerfunktion des Nikotins ist das "Belohnungszentrum" des Gehirns, der Nucleus accumbens (NAc), der einen Teil des mesolimbischen dopaminergen Systems bildet. Nikotin führt (wie z.B. Amphetamin, Kokain, Opioide und Alkohol), zu einer vermehrten innersynaptischen Konzentration von Dopamin [33-36].

    5.1 Aufhörmotivation

    5.2 Nikotinentzug

  11. Tabakrauchen verursacht eine Vielzahl von Lungenerkrankungen
  12. Zigarettenrauch stellt ein heterogenes Aerosol aus über 4000 Substanzen dar, welches bei der unvollständigen Verbrennung von Tabak entsteht. Die Wirkungsweisen der unterschiedlichen Substanzen umfassen irritative Effekte, verstärkte Sekretbildung, verminderte Zilienfunktion, toxische Effekte auf Lungenzellen einschließlich der Induktion von Apoptose und Nekrose, pharmakologische Effekte, Wirkungen als Antigen, immunmodulierende Effekte bis hin zu Mutagenese und Karzinogenese. Viele dieser Wirkungen werden durch oxidative Mechanismen vermittelt, die insbesondere von reaktiven, organischen Radikalen und oxidativ wirksamen Metaboliten ausgehen [50,51]. Verstärkt wird die direkte Wirkung des Zigarettenrauchs durch chemotaktische Effekte, die zu Einwanderung von insbesondere neutrophilen Granulozyten und Makrophagen führen und so eine anhaltende Entzündungsreaktion auslösen [52-55]. Systemische Effekte durch Zigarettenrauch umfassen neben einer vermehrten systemischen Oxidanzienbelastung auch eine Stimulation des Knochenmarks mit vermehrter Ausschwemmung von Leukozyten in das periphere Blut, eine verstärkte Myeloperoxidase-Ausschüttung aus Granulozyten und eine Proliferation und Ausschwemmung von Lymphozytensubpopulationen [56-60].
    Insgesamt führt Zigarettenrauch zu einer komplexen Veränderung der zellulären und humoralen Immunantwort, wodurch letztlich das Auftreten respiratorischer und systemischer Infektionen begünstigt und die immunologische Kontrolle von Mutationen beeinträchtigt wird.

    Tabelle 2: Durch Tabakrauchen verursachte oder ungünstig beeinflusste Erkrankungen der Atemwege und der Lunge
    • COPD: chronische obstruktive Bronchitis, Lungenemphysem [61-65]
    • Lungenkarzinom [61,66-69]

    Weitere durch Tabakrauch bedingte und begünstigte Erkrankungen der Atemwege und der Lunge
    chronisch-entzündliche Erkrankungen der Bronchien
    • Asthma bronchiale [61-63,70-75]
    • Alpha-1-Antitrypsin Mangel Emphysem [76]
    • chronische (nicht-obstruktive) Bronchitis [61,77]
    Bösartige Neubildungen
    • Karzinome der Nasennebenhöhlen [61,78]
    • Karzinome der Mundhöhle [61]
    • Kehlkopfkarzinom [61]
    Infektiöse Erkrankungen
    • Rhinitis, Sinusitis, Laryngitis [61,79-81]
    • Akute Bronchitis [61,79,80]
    • Pneumonie [61,82-84]
    • Influenza [85]
    • Tuberkulose [61,86,87]
    Interstitielle Lungenerkrankungen
    • Pneumokoniosen [88]
    • Idiopathische Lungenfibrose [88-96]
    • Desquamative interstitielle Pneumonie [88-90,96,97]
    • Respiratorische Bronchiolitis-assoziierte interstitielle Lungenerkrankung [88-90,97-99]
    • Histiozytosis X (Langerhanszell-Histiozytose) [88,100-102]
    • Kollagenosen-assoziierte interstitielle Lungenerkrankungen [88,103-106]
    • Goodpasture Syndrom [88,107,108]

  13. Tabakrauchen als Ursache der COPD
  14. Die COPD ist augenblicklich weltweit die fünft häufigste Todesursache mit stark steigender Tendenz [9,109,110]. In der EU ist die COPD Mortalität bei Männern etwa 2 bis 3 mal höher als bei Frauen [6,111,112]. Etwa 8-13% der erwachsenen Bevölkerung in Europa und Nordamerika leiden aktuellen Studien mit spirometrischen Messungen zufolge an einer COPD [112-118]. Die Prävalenz nimmt im höheren Alter stark zu [118,119].
    Über 80% der COPD Patienten sind einer aktuellen englischen Untersuchung zufolge nicht diagnostiziert und sind sich ihrer Erkrankung nicht bewusst [113]. Bei den Patienten mit schwerer COPD trifft dies noch für über 40% der Patienten zu [113]. Ähnliche Daten werden aus anderen europäischen Ländern berichtet [120].
    Tabakrauch ist mit einem relativem Risiko von 13 der wesentliche Risikofaktor für die COPD [69,112,121]. Entsprechend ist die anamnestische Diagnose einer chronischen Bronchitis bzw. des Lungenemphysems oder der Nachweis einer Atemwegsobstruktion in der Lungenfunktion bei Rauchern viel häufiger als bei Nichtrauchern [120,122]. Bis zu 50% der älteren Raucher entwickeln eine COPD [120,123]. Je nach Hintergrundbelastung durch die Umwelt werden 80-90% der COPD-Morbidität durch das Tabakrauchen verursacht [23]. Das Risiko eine COPD zu entwickeln, wird durch den kumulativen Zigarettenkonsum (Packungsjahre bzw. pack-years) bestimmt [113,115]. Ein Packungsjahr bedeutet, dass ein Raucher über den Zeitraum von einem Jahr durchschnittlich täglich eine Packung Zigaretten geraucht hat.

    Geschlechtsspezifische Unterschiede: Frauen sind gegenüber den gesundheitsschädlichen Effekten des Tabakrauches empfindlicher als Männer und entwickeln bei gleicher Exposition entsprechend häufiger eine COPD [124-126]. In der Copenhagen City Heart Studie lag z.B. der zusätzliche Verlust an der forcierten Einsekundenkapzität (FEV1) pro Packungsjahr bei Frauen mit 7,4 mL höher als bei Männern mit 6,3 mL [124]. Rauchende Frauen haben außerdem ein erhöhtes Risiko für eine Exazerbation mit notwendiger stationärer Behandlung. Diese Daten werden u.a. durch die bei rauchenden Frauen häufigere bronchiale Hyperreagibilität erklärt.

    Genetik: COPD ist eine Erkrankung, die durch ein komplexes Zusammenspiel von umwelt- und genetischen Faktoren verursacht wird [127]. Eine familiäre Häufung der COPD ist beschrieben. Die Bedeutung der Genetik wird dadurch unterstrichen, dass nicht jeder Raucher eine COPD bekommt [123,128]. Der seltene Alpha-1-Antitrypsin Mangel ist eng mit der Entwicklung eines ausgeprägten Lungenemphysems assoziiert [129]. Bei rauchenden Trägern der homozygoten Erbanlage wird regelhaft eine schwere COPD mit Lungenemphysem beobachtet. Die heterozygote Erbanlage führt bei Rauchern gehäuft zu obstruktiven Atemwegserkrankungen.

    COPD als systemische Erkrankung: Die COPD führt nicht nur zu Veränderungen der Lunge, sondern auch zu kardialen, muskulären, ossären, nutritiven, psychischen und sozialen Krankheitsfolgen [9,130,131] In der Lung Health Study, in die über 6.000 Patienten mit leichter bis mäßiger COPD eingeschlossen wurden, starben mehr Patienten an kardiovaskulären Erkrankungen als an der COPD [132]. Tatsächlich ist ein reduzierter FEV1-Wert ein unabhängiger Risikofaktor für kardiovaskuläre Morbidität und Mortalität. Diese Zusammenhänge werden wahrscheinlich durch die bei der COPD ausgeprägte systemische Inflammation und neurohumorale Aktivierung vermittelt [133]. Tabakrauchen führt sowohl zu einer systemischen Inflammation als auch zu einer neurohumoralen Aktivierung [133,134]. Tabakrauchen verstärkt somit die o.g. systemischen Folgen der COPD. Klinisch relevant wird dieser Zusammenhang auch durch die Begünstigung der Gewichtsabnahme bei Rauchern; ein insbesondere bei kachektischen COPD Patienten ungünstiger Effekt.

    Husten und Auswurf: Unabhängig von der Diagnose einer COPD ist in größeren epidemiologischen Studien eine pulmonale Symptomatik mit Husten und Auswurf bei Rauchern wesentlich häufiger als bei Nichtrauchern [135,136]. Die Beendigung des Tabakkonsums führt zu einer Reduktion dieser Symptomatik. Husten mit Auswurf ist ein unabhängiger Risikofaktor für einen Verlust an FEV1 und das Risiko von Hospitalisationen [136].

    Rauchen und Lungenfunktion: In einer Vielzahl von großen epidemiologischen Querschnitt- und Längsschnittuntersuchungen konnte eindeutig nachgewiesen werden, dass Rauchen zu einer Verschlechterung der Lungenfunktion führt [137,138]. Rauchen in der Jugend reduziert die Zunahme der Lungenfunktion während des körperlichen Wachstums und somit die forcierte Einsekundenkapazität (FEV1 ) während des späteren Lebens [139]. Rauchen verlagert den Zeitpunkt der Abnahme des FEV1-Werts nach vorne, so dass die Plateauphase, in der die Lungenfunktion während des Lebens als Erwachsener konstant bleibt, verkürzt ist [140]. Weiter beschleunigt das Rauchen den jährlichen Abfall des FEV1-Werts in der späten Erwachsenenphase und insbesondere im Alter [137,141-144]. Es besteht eine Dosis-Wirkungs-Beziehung zwischen der Anzahl der gerauchten Zigaretten und dem Abfall des FEV1-Werts. In Längsschnittuntersuchungen war nach Beendigung des Rauchens die jährliche Abnahme des FEV1-Werts auf diejenige von Nichtrauchern reduziert [138,145]. Nach Beendigung des Rauchens kommt es initial sogar zu einer Zunahme des FEV1-Werts [140,145].
    Rauchen hat negative Auswirkungen auf Kenngrößen der Lungenfunktion, wie FEV1, DLCO, bronchiale Hyperreagibilität [146-148]. Bei "gesunden" Rauchern führt die Beendigung des Rauchens zu einer Abnahme der bronchialen Hyperreagibilität im Methacholin Test. Bei COPD Patienten führt die Tabakentwöhnung zu einer Reduktion, jedoch nicht zu einer Normalisierung der bronchialen Hyperreagibilität [149,150].

    Langzeitsauerstofftherapie und Tabakkonsum: Patienten mit fortgeschrittener COPD haben oft einen erniedrigten Sauerstoffpartialdruck im Blut (respiratorische Partialinsuffizienz bzw. Hypoxie). Die Langzeitsauerstofftherapie ist heute bei hypoxischen Lungenerkrankungen, insbesondere der COPD, therapeutischer Standard [8,9,151].
    Sauerstoff selber ist zwar nicht entflammbar, beschleunigt jedoch Verbrennungsvorgänge. Mithin kommt es immer wieder bei rauchenden Patienten, die mittels Langzeitsauerstofftherapie behandelt werden, zu lebensgefährlichen oder gar tödlichen Verbrennungen [152]. Bei Patienten, die rauchen, sollten daher die Vorteile einer Sauerstoffherapie im Kontext mit den genannten Gefahren diskutiert und bei der Verordnung kritisch gewürdigt werden. Der professionellen Tabakentwöhnung sollte in diesem Zusammenhang Priorität zugewiesen werden [152].

    Tabakrauchen ist der wesentliche Risikofaktor für die COPD.
    "Evidenz"grad 1

  15. Passivrauchen als Ursache der COPD
  16. In Deutschland sind 27% der nichtrauchenden Bevölkerung regelmäßig Passivrauch ausgesetzt [28]. Verschiedene Arbeitsgruppen kamen übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass in Deutschland jährlich 3.000 bis 4.000 Nichtraucher an den Folgen einer Passivrauchexposition versterben [153,154]. Davon sterben allein über 900 Patienten an einer durch Passivrauchen verursachten COPD [154]. Es lässt sich ein relatives Risiko von 1,4 für die Entstehung einer COPD bei Passivrauchexposition abschätzen [155]. Passivrauchen aggraviert auch bei aktiven Rauchern die Symptomatik der COPD und erhöht die Häufigkeit von Arztkontakten [156]. Kinder mit Exposition gegenüber Passivrauch leiden häufiger unter respiratorischen Infekten und weisen ein erhöhtes Risiko auf, an Asthma bronchiale oder anderen Atemwegserkrankungen zu erkranken [73,157].
    Rauchverbote in öffentlichen Plätzen wie z.B. Restaurants reduzieren die Passivrauchexposition und damit die konsekutive Morbidität und Mortalität erheblich, ohne dass negative Auswirkungen, z.B. auf die Gastronomie, beobachtet werden [154,155].

    Passivrauchexposition ist ein Risikofaktor für die COPD.
    "Evidenz"grad 1

  17. Tabakrauchen bei Patienten mit COPD
  18. Acht von zehn COPD-Patienten waren langjährige Raucher. Von diesen gelingt es einem erheblichen Anteil, den Tabakkonsum aufzugeben. Allerdings findet sich unter COPD-Patienten immer noch ein höherer Anteil aktiver Raucher als in der Allgemeinbevölkerung. [113]. Bei Patienten mit sehr schwerer COPD findet sich sogar ein höherer Anteil aktiver Raucher als bei Patienten mit leichterer COPD. Diese Zusammenhänge blieben in einer großen Querschnittsstudie nach Adjustierung für Alter, Geschlecht, Ethnizität und soziale Deprivation signifikant [113]. Ähnliche Befunde wurden in anderen Ländern erhoben [158-160]. Der hohe Abhängigkeitsgrad spiegelt sich auch im Inhalationsmuster von Rauchern mit COPD wider: Raucher mit nachgewiesener Obstruktion inhalieren tiefer und schneller als Raucher ohne spirometrische Auffälligkeiten [161,162]. Die beim Lungenemphysem zugrundeliegende Überblähung begünstigt die Ablagerung von Partikeln im Bronchialbaum sowie die Aufnahme von Kohlenmonoxid [163].

    9.1. COPD, Depression und Rauchen

  19. Anamnese
  20. Voraussetzung für die Unterstützung und die Motivation bei der Tabakentwöhnung von COPD-Patienten ist die vollständige Tabakanamnese. Die Erfassung der Anamnese führt bereits zu einer Erhöhung der Anzahl der erfolgreich entwöhnten Patienten [14]. Sie sollten bereits bei der Tabakanamnese damit vertraut gemacht werden, dass Tabakabstinenz die entscheidende und wirksamste Maßnahme zur Erhaltung der verbliebenen ventilatorischen Funktion ist [184]. In der Regel sind die Anamneseparameter innerhalb von 2-3 Minuten zu erfassen. Eine strukturierte Erfassung ist sinnvoll (Raucheranamnese-Formular).


    Abbildung 2: Raucher-Anamnseformular

    Anamneseintervall:
    Die Tabakanamnese/Raucheranamnese soll in der Regel bei jeder Kontroll-Vorstellung des Patienten wiederholt bzw. ergänzt werden. Voraussetzung hierfür ist eine Dokumentation der Raucher-Erstanamnese an leicht zugänglicher und schnell einsehbarer Stelle der (elektronischen) Krankenakte. Jeweils zu ergänzen sind Änderungen der Tabakkonsum-Menge bzw. -Art (Wechsel auf Light-Zigaretten etc.) und zwischenzeitliche Abstinenzversuche. Bei jeder Vorstellung ist die Motivation für die Tabakentwöhnung neu zu erfassen und zu dokumentieren (siehe Algorithmus).

    Der Tabakkonsum sollte regelmäßig erfragt und dokumentiert werden. ↑↑

  21. Diagnostik/Fragebogen
  22. Zur Bestimmung des Ausmaßes der Abhängigkeit hat sich international der Fagerström-Test for Nicotine Dependence - FTND, der sechs Items umfasst [185], durchgesetzt (Siehe Anhang). Der FTND korreliert mit wichtigen biochemischen Werten (CO-Gehalt der Ausatemluft, Cotininspiegel) und stellt einen aussagekräftigen Prädiktor zur Vorhersage der kurz- und langfristigen Abstinenz nach einem Rauchstopp dar [19]. Der Testscore ermöglicht eine Aussage zur Nikotinabhängigkeit: 0-2 Punkte gelten als sehr geringe, 3-4 Punkte als geringe Abhängigkeit. Bei 5 Punkten wird von einer mittelschweren, bei 6-7 Punkten von einer schweren und bei 8 und mehr Punkten von einer sehr schweren Abhängigkeit ausgegangen [185]. Insbesondere die pharmakologische Therapie richtet sich nach der Ausprägung der Nikotinabhängigkeit.
    Die strukturierte Erfassung einer eventuellen depressiven Stimmungslage/Disposition [175,186,187] z. B. mit dem HADS-D-Fragebogen [188], ist sinnvoll. Ein Score von ≥ 9 für die Depressionsskala (ohne Anxiety-Skala) signalisiert, dass eine primär behandlungspflichtige Depression bestehen könnte, die Vorrang vor der Tabakentwöhnung hat. Als Screening-Instrument hinsichtlich psychischer Komorbidität kann der dreiseitige Patient Health Questionnaire - PHQ- [189] benutzt werden. Zur systematischen Erfassung des konkreten Konsumverhaltens eignet sich der Einsatz von Rauchtagebüchern sowie standardisierten Fragebögen zum Rauchverhalten [190].

    Tabelle 3: In der Tabakentwöhnung empfehlenswerte Fragebögen
    • Fagerström-Test for Nicotine Dependence - FTND
    • HADS-D-Fragebogen
    • Rauchtagebuch o.ä.

    11.1. Objektive Messung des Tabakkonsums

  23. Motivierende Beratung
  24. Etwa 70% der rauchenden COPD Patienten wollen aufhören zu rauchen [38,113]. COPD Patienten sind einer ärztlichen Empfehlung zum Rauchstopp gegenüber aufgeschlossen [191]. Diese Empfehlung ist insbesondere wirksam, wenn Symptome der COPD oder pathologische medizinische Befunde in Zusammenhang mit dem Tabakkonsum thematisiert werden [22,191,192,194-196]. Hilfreich ist hier die Erläuterung der Lungenfunktion [197,198], der CO-Konzentration und/oder des Computertomogramms (CT) des Thorax [192,199]. In einer kleinen Studie hat die Benutzung des Wortes "Raucherlunge" statt "Emphysem" oder "Bronchitis" die Erfolgsrate der Tabakentwöhnung erhöht [194]. Die motivierende Beratung muss im Zusammenhang mit der Tabakanamnese wiederholt durchgeführt werden.


    Abbildung 3: Management rauchender COPD-Patient

    Tabelle 4: Inhaltliche Strukturierung des Ablaufs der Beratung nach den 5 A [200]
    • Abfragen des Rauchstatus (Ask)
    • Anraten des Rauchverzichts (Advise)
    • Abfragen der Aufhörmotivation (Assess)
    • Assistieren beim Rauchverzicht (Assist)
    • Arrangieren der Nachbetreuung (Arrange)

    Insbesondere wenn der Raucher nicht bereit ist, einen Rauchstopp zu vereinbaren, soll eine motivierende Intervention - die sog. 5 R - zum Einsatz kommen.

    Tabelle 5: Die 5 R zur Motivationssteigerung bei nicht entwöhnungswilligen Rauchern [200]
    • Relevanz aufzeigen: Knüpfen Sie die Motivation des Rauchers an seinen körperlichen Zustand, seine familiäre und soziale Situation, an gesundheitliche Bedenken, Alter, Geschlecht und andere Merkmale wie frühere Ausstiegsversuche.
    • Risiken benennen:
      Kurzfristig: Kurzatmigkeit, Impotenz und Unfruchtbarkeit, erhöhte CO Konzentration im Serum, erhöhte Herzfrequenz und erhöhte Blutdruckwerte.
      Langfristig: erhöhte Infektanfälligkeit, Chronische obstruktive Atemwegserkrankungen (chronische Bronchitis und Emphysem), Herzinfarkt und Schlaganfall, Lungenkrebs und andere Krebsarten etc.
    • Reize und Vorteile des Rauchstopps verdeutlichen: Fragen Sie den Patienten, welche Vorteile das Aufhören hat, und betonen Sie diejenigen, welche die höchste emotionale Bedeutsamkeit haben.
    • Riegel (Hindernisse und Schwierigkeiten) vor Rauchstopp ansprechen: Entzugssymptome, Angst zu scheitern, Gewichtszunahme, fehlende Unterstützung, Depression, Freude am Rauchen.
    • Repetition: Raucher, die nicht ausstiegswillig waren, sollten bei jedem Folgekontakt erneut mit diesen motivationsfördernden Strategien angesprochen werden.

    Das motivierende Interview ist eine Technik zur Änderung von abhängigem Verhalten, die initial erfolgreich bei der Alkoholentwöhnung eingesetzt wurde [201]. Das Konzept des motivierenden Interviews verlangt eine kritische Reflexion der Rolle der Beratenden, die sich folgendermaßen zeigen soll [202]:

    In einer kürzlich mit spanischen Hausärzten durchgeführten Studie war das Konzept des motivierenden Interviews 5,2 mal so wirksam wie eine herkömmliche Aufforderung das Rauchen zu beenden [201]. Allerdings beanspruchte das motivierende Interview auch mehr Zeit.

    COPD Patienten, die noch rauchen, sollten unabhängig vom Alter klar, deutlich und mit persönlichem Bezug dazu motiviert werden, den Tabakkonsum zu beenden. ↑↑

  25. Effekte der Tabakentwöhnung
  26. 13.1. Lungenfunktion

    13.2. Sterblichkeit

    13.3. Pulmonale Infekte

    13.4. Gewicht

    Tabelle 6: Die Tabakentwöhnung hat einen positiven Effekt auf:
    • Lungenfunktion, insb. FEV1
    • Diffusionskapazität
    • Luftnot
    • Husten
    • Sputumproduktion
    • Giemen (Wheezing)
    • Bronchiale Hyperreagibilität
    • Entzündung / Infekte der Atemwege
    • Exazerbationsrate
    • Mortalität

    Die Tabakentwöhnung zeigt positive Effekte auf die Symptomatik, den Verlauf der Lungenfunktion und die Mortalität bei Patienten mit COPD.
    "Evidenz"grad 1

  27. Rauchreduktion ist keine Alternative zum Rauchstopp
  28. Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass eine Rauchreduktion in Hinblick auf die Progression der COPD (jährlicher FEV1-Abfall) keine effektive Strategie darstellt [145,205,219-223]. Für den fehlenden positiven Effekt der Rauchreduktion werden insbesondere Kompensationsmechanismen verantwortlich gemacht, bei denen ein verändertes Rauchverhalten (tiefere und längere Inhalation) den Effekt der geringeren Anzahl an inhalierten Zigaretten aufwiegen [145,206,220].
    Wenn es einem rauchenden COPD-Patienten nicht gelingt, mittels Schlusspunktmethode das Rauchen sofort aufzugeben, kann als Zwischenlösung bis zum Erreichen der kompletten Abstinenz zunächst eine Reduktion des Konsums erwogen werden.
    Insgesamt kann somit die "Rauchreduktion" als Interventionsstrategie bei aktiven Rauchern nicht empfohlen werden. Oberstes Ziel ist die vollständige Tabakentwöhnung. Eine kontrollierte Anwendung der Rauchreduktion auf Patienten mit erwiesener Abstinenzunfähigkeit erscheint allerdings möglich.

    Die Verbesserung der Lungenfunktion und die Minderung der Beschwerden sind nicht zu erwarten, wenn der Tabakkonsum lediglich reduziert wird.
    "Evidenz"grad 2

  29. Integraler Ansatz, Tabakentwöhnungprogramm
  30. Rauchende COPD-Patienten weisen einen besonders hohen Grad der Nikotin-Abhängigkeit auf. Die Vielzahl der Einflussfaktoren auf die langfristige Abstinenz erfordern strukturierte Tabakentwöhnungsprogramme [224], die sowohl medikamentöse als auch nichtmedikamentöse Intervention umfassen, da keine ausreichenden Daten zur Effektivität unimodaler Konzepte vorliegen [225,226]. Da symptomatische Raucher insbesondere dann eine höhere Motivation zum Rauchstop aufweisen, wenn sie ihre Symptome in erster Linie auf das Rauchen selbst zurückführen [196,197] (siehe oben unter 9.1), sollten in einem multimodalen Entwöhnungskonzept neben kognitiven und Sucht-Aspekten auch die subjektiven respiratorischen Beschwerden des Patienten berücksichtigt werden. Im Rahmen eines solchen integrierten Ansatzes dient das kognitiv-verhaltenstherapeutische Gruppenprogramm der Modifikation des Verhaltens sowie der Rückfall-Prophylaxe, während die begleitende Nikotin-Ersatztherapie auf die oben beschriebene Beeinflussung der biologischen Vorgänge zielt.
    Im Jahre 2004 wurde ein Cochrane-Review zur Tabakentwöhnung von COPD-Patienten publiziert [226]. Drei kontrollierte Studien von befriedigender und zwei von hoher Qualität wurden bewertet. Die mit Abstand größte dieser Studien ist die Lung Health Study. In dieser Studie wurden 5887 Patienten mit leichter bis mäßiger COPD einer Kombination aus einem intensiven, 12-wöchigen Entwöhnungsprogramm (Gruppensitzungen, Schlußpunktmethode) und pharmakologischer Unterstützung der normalen Patientenversorgung ("usual care") gegenübergestellt [142,143,203]. Die 12-Monats-Abstinenzrate lag in der "usual care"-Gruppe bei 9,0% und in der Interventionsgruppe bei 34,7% [226]. Nach fünf Jahren hatten 5,4% bzw. 21,7% der Teilnehmer durchgehend nicht geraucht [132,184,204]. Nach 14,5 Jahren ließ sich in der Intention-to-treat-Analyse eine signifikante Reduktion der Mortalität nachweisen [132].
    In einer anderen Untersuchung erwies sich eine proaktive telefonische Beratung in Kombination mit der Einnahme von Bupropion im Vergleich zu der gleichen Beratung in Kombination mit Plazebo-Gabe nach 6 Monaten als siginifikant effektiver [227]. Nach 12 Monaten war dieser Effekt nicht mehr signifikant [226]. Zwei aktuelle Arbeiten bestätigen die o.g. Cochrane-Analyse: In einer randomisierten doppelblinden Studie an 370 COPD-Patienten war die 12 Monats-Abstinenzrate mit 17% unter Nikotinersatztherapie und einer durch Pflegepersonal vermittelten Verhaltenstherapie etwa doppelt so hoch wie mit alleiniger Verhaltenstherapie [228]. Bei 255 Patienten mit COPD, die an einem Tabakentwöhnungsprogramm teilnahmen, zeigte Bupropion in einer Plazebo kontrollierten Studie einen signifikanten Effekt [229].
    Zur Effektivität verhaltenstherapeutischer Maßnahmen ohne begleitende pharmakologische Therapie liegen bei Patienten mit COPD bisher keine Studien von ausreichender Qualität vor [226].

    Ein Entwöhnungskonzept, das sowohl medikamentöse Unterstützung als auch psychosoziale Unterstützung umfasst, hat sich für COPD-Patienten als effektiv erwiesen.
    "Evidenz"grad 1
    Ausreichende Studien zur Wirksamkeit der alleinigen psychosozialen Unterstützung bei COPD-Patienten liegen nicht vor.

    Für alle COPD Patienten, die ihren Tabakkonsum beenden wollen, muss eine Tabakentwöhnung mit medikamentöser und psychosozialer Unterstützung gewährleistet sein. ↑↑

  31. Tabakentwöhnung in ambulanten und stationären Strukturen
  32. Die hier dargelegten Voraussetzungen der effektiven Tabakentwöhnung erfordern ein abgestuftes und koordiniertes Vorgehen der unterschiedlichen Versorgungsebenen. Die Tabakanamnese und das nach o.g. Maßgaben zu führende Gespräch werden von allen in der Therapie der COPD beteiligten Ärzten durchgeführt werden. Um der notwendigen Professionalisierung und dem Bedarf gerecht zu werden, müssen zusätzlich Tabakentwöhnungsprogramme mit medikamentöser und psychosozialer Unterstützung angeboten werden [6]. Dies sollte sowohl im ambulanten, stationären als auch Rehabilitationssektor geschehen. Bisher gibt es keine hinreichenden Daten zur vergleichenden Effektivität der Tabakentwöhnung in den verschiedenen Settings. Jedoch kann gut belegt werden, dass die Tabakentwöhnung durch Hausärzte [201], Pneumologen [230], Ambulanzen [224], im betrieblichen Bereich durch Werkärzte [231], im Krankenhaus und in Rehabilitationskliniken effektiv ist.
    In der pneumologischen Rehabilitation werden regelmäßig strukturierte und multimodale Entwöhnungsprogramme vorgehalten, entsprechende Katamnesedaten liegen vor. Die Rehabilitation stellt daher einen Baustein in einem abgestuften Entwöhnungskonzept dar.
    Die Erfolgsrate der Tabakentwöhnung steigt, wenn die Pharmakotherapie den Patienten kostenfrei zur Verfügung gestellt wird [232].
    Um Tabakentwöhnung bei COPD-Patienten mit oben dargestellter Methodik effektiv durchführen zu können, müssen personelle und strukturelle Voraussetzungen erfüllt sein.
    Nötig ist dazu:
    1. Eine flächendeckende Basisversorgung rauchender COPD-Patienten im ambulanten Bereich durch entsprechende Schulung der Behandler
    2. Die Einrichtung zusätzlicher, Therapieangebote im ambulanten Bereich durch zertifizierte Entwöhnungsprogramme, z.B. in spezialisierten Praxen
    3. Professionelle Entwöhnungsprogramme in Akutkrankenhäusern und Rehabilitationseinrichtungen, in denen Patienten mit COPD behandelt werden.
    Um zeitnah Kursangebote zu realisieren, sollten Tabakentwöhnungsprogramme eine ausreichende Anzahl von Rauchern behandeln.

  33. Medikamentöse Behandlung
  34. Die Ergänzung psychosozialer Behandlungsformen durch eine medikamentöse Unterstützung erhöht die Abstinenzaussichten bei Patienten mit einer COPD (siehe oben unter 15). Bisher sind lediglich für die Nikotinersatztherapie und Bupropion belastbare Studien bei Patienten mit COPD publiziert. Trotzdem werden in diesem Abschnitt auch weitere Medikamente zur Tabakentwöhnung vorgestellt. Detaillierte Empfehlungen finden sich in den nationalen und internationalen Leitlinien zur Tabakentwöhnung [14,19,25].

    17.1. Nikotinersatztherapie

    17.2. Antidepressiva und andere Psychopharmaka in der Tabakentwöhnung

    17.3. Vareniclin

    17.4. Clonidin

    Tabelle 8. Pharmakotherapie bei Tabakentwöhnung
    Wirkstoff Applikationsform Dosierungen Besonderheiten
    Nikotin Pflaster 3 Stärken
    unterschiedlich je nach Hersteller)
    über 16 oder 24 Stunden anwendbar
    Kombinationstherapie mit anderen Nikotinersatzpräparaten möglich.
    UAW: Hautreaktion
    Kaugummi 2mg, 4 mg
    maximal 25 Stück (2 mg), bzw. 15 Stück (4 mg) /Tag
    problematisch bei Zahnprothesen-Trägern
    4 mg: insbesondere zur Verhinderung einer Gewichtszunahme und bei starken Rauchern (>20 / Tag).
    UAW: Sodbrennen, Mundreizung
    Sublingualtablette2 mg
    maximal 30 Stück / Tag
    rascher Wirkeintritt
    UAW: Mundreizung
    Lutschtablette 1 mg, 2 mg, 4 mg
    maximal 30 Stück / Tag (2 mg Tbl.)
    rascher Wirkeintritt
    UAW: Mundreizung
    Nasenspray0,5 mg pro Hub; je Nasenloch 1 Hub, maximal zweimal / Stunde verschreibungspflichtig; in Deutl. nur über internationale Apotheke beziehbar
    UAW: Schleimhautreizung, Abhängigkeitspotential
    Vareniclin Tablette 0,5 mg 1xtgl. für 3 Tage
    0,5 mg 2xtgl. für 4 Tage
    danach Rauchstop
    danach 1 mg 2x tgl. für mindestens 11 Wochen
    bislang keine abgeschlossene Studie bei COPD
    UAW: Übelkeit, lebhafte Träume
    Bupropion Tablette150 mg 1xtgl. für 7 Tage, danach Rauchstop, danach 150 mg 2x tgl. Gesamt-Behandlungsdauer: 8 WochenUAW: cerebrale Krampfanfälle (Häufigkeit 1:1000), Übelkeit, Schlafstörungen
    UAW: unerwünschte Arzneimittelwirkung

  35. Prävention und gesundheitsökonomische Aspekte
  36. Präventive Maßnahmen wie die Tabakentwöhnung sind gesetzlich verankert [242]: Somit hat diese Leitlinie nicht nur zum Ziel, rauchende COPD-Patienten vom Nikotinkonsum zu entwöhnen, sondern soll damit auch einen primären Präventionseffekt durch Minderung der Passivrauchexposition ermöglichen. Die Passivrauchexposition in utero, im Säuglings-, Kindesalter ist nicht nur mit einem niedrigerem Geburtsgewicht mit verlangsamten Lungenwachstum [243], sondern auch mit einer erhöhten Inzidenz von Asthma, chronischen Bronchitiden [73] und COPD assoziiert (Siehe auch 8. Passivrauchen).

    Bei Annahme einer COPD Prävalenz von 5 % ergaben sich für die Bundesrepublik Deutschland volkswirtschaftliche Gesamtkosten von 12 -17 Milliarden Euro pro Jahr, wenn alle Patienten diagnostiziert und behandelt werden würden [114]. Die Kosten für Patienten mit COPD hängen vom Schweregrad der Erkrankung ab. Deutsche Quellen nennen 6.585 € bei schwerer COPD pro Jahr [114,117,244].
    Für die Beendigung des Rauchens vor Manifestation einer COPD ergibt sich folgende Abschätzung: Wäre das Rauchen unter konservativen Annahmen nur bei 70% der Raucher alleinige Ursache der COPD, wären durch einen generellen Tabakverzicht immerhin noch 7,7 Milliarden € pro Jahr einzusparen. Dabei bleiben sowohl die Kosten der Komplikationen der COPD wie Depressionen und Osteoporose als auch der ungünstige Einfluss der COPD auf Begleiterkrankungen wie die Koronare Herzkrankheit unberücksichtigt. Bezüglich der Beendigung des Rauchens bei bereits manifester COPD ergeben sich allein für die Krankenhauskosten (die ja nur 26 % der Gesamtkosten für COPD betragen) Einsparungen zwischen 0,27 bis 0,78 Milliarden € pro Jahr.
    Dies sind lediglich die der COPD zuzuordnenden Kosten. Da Tabakrauchen u.a. eng mit dem Lungenkarzinom und kardiovaskulären Erkrankungen assoziiert ist, entstehen noch weit höhere Kosten. Insgesamt werden in Deutschland jährlich mindestens 35,2 Milliarden € für tabakbedingte Gesundheitskosten ausgegeben [114]. Da Tabakrauchen einen unabhängigen Risikofaktor für eine Vielzahl weiterer Erkrankungen, wie z.B. die Lungenentzündung darstellt, sind die tabakassoziierten Gesundheitskosten noch wesentlich höher.
    Zusätzlich werden durch Tabakrauchen Kosten verursacht, die nicht dem Gesundheitssystem zuzuordnen sind. In Schottland wurden die Kosten durch Brände mit Sachbeschädigung infolge von Tabakrauchen auf etwa 4 Millionen £ und in England und Wales auf 151 Millionen £ pro Jahr geschätzt [23,245]. Bezüglich der Produktivitätsverluste zeigte eine Untersuchung in Schottland, dass Abwesenheit von der Arbeit bei Rauchern häufiger als bei Nicht-Rauchern auftrat [245]. Die Kosten durch Abwesenheit von der Arbeit wurden auf jährlich 40 Millionen £ [245] und die gesamten Kosten durch Arbeitsausfälle auf jährlich 450 Millionen £ geschätzt. Entsprechende Daten für Deutschland sind bisher nicht erhoben worden.

    Unter Berücksichtigung bereits publizierter Erfahrungen [69,246,247] errechnen sich für die Tabakentwöhnung in einem allgemeinen Raucher-Kollektiv nach dem "Intention to treat Ansatz" Kosten von etwa 300 - 1200 € pro gewonnenem Lebensjahr [23]. Die Kosten pro gewonnenem Lebensjahr betragen z.B. für die Hämodialyse bei chronischer Niereninsuffizienz etwa 60.000 €, für die operative Myokardrevaskularisation 20.000 € und für die medikamentöse Therapie des arteriellen Hypertonus 50.000 € [23,248].
    Insgesamt ist die Tabakentwöhnung unzweifelhaft eine der effektivsten medizinischen Interventionen. Trotzdem ist der Stellenwert der Tabakentwöhnung im Deutschen Gesundheitssystem unzureichend berücksichtigt. Die Einordnung medikamentöser Entwöhnungshilfen als nicht erstattungsfähige Lifestyle-Präparate in §34 Sozialgesetzbuch V und der Arzneimittelrichtlinie wird den Notwendigkeiten der evidenzbasierten Behandlung nicht gerecht.
    Zum Verhältnis zwischen Kosten und Nutzen der Tabakentwöhnung bestehen für Patienten mit COPD noch keine systematischen Daten. Aufgrund der oben dargelegten engen Beziehung zwischen Tabakrauch sowie Symptomatik, Lungenfunktion und Hospitalisationen ist jedoch davon auszugehen, dass die Kosten pro gewonnenem Lebensjahr bei Patienten mit COPD niedriger als für ein allgemeines Raucher-Kollektiv liegen [6].
    Die Cochrane Group hat verschiedene Interventionen zur Primärprävention kürzlich systematisch untersucht und bewertet. Es gibt bisher keinen klaren Beweis dafür, dass in der Schule durchgeführte Programme den Beginn des Rauchens in der Jugend verhindern [249]. Auch gibt es keine überzeugenden Daten dafür, dass öffentliche Interventionen das Rauchverhalten von Erwachsenen nachhaltig beeinflussen [250]. Tabakentwöhnung am Arbeitsplatz unter Verwendung evaluierter Methoden wie professioneller Tabakentwöhnung in Gruppen [251] und Nikotinersatztherapie werden hingegen positiv bewertet [231].
    Zusammengefasst wird in Deutschland im Widerspruch zur internationalen Datenlage und Erfahrung die Tabakentwöhnung marginalisiert.

    Die Tabakentwöhnung ist die wirksamste und kosteneffektivste Einzelmaßnahme, um das Risiko der COPD-Entstehung herabzusetzen und das Voranschreiten der Erkrankung zu stoppen.
    "Evidenz"grad 1
    Daher muss die Tabakentwöhnung nachhaltig auf allen Versorgungsebenen gefördert werden. ↑↑

  37. Qualitätsindikatoren
  38. Unter Berücksichtigung der Nationalen Versorgungsleitlinie COPD [3] werden folgende Qualitätsindikatoren angeführt:

    1. Anteil der COPD-Patienten, bei denen der Raucherstatus dokumentiert wurde
    2. Anteil der rauchenden COPD-Patienten, bei denen eine Empfehlung zum Tabakverzicht gegeben wurde.
    3. Anteil der rauchenden COPD-Patienten

  39. Anhang
  40. Fagerström-Test for Nicotine Dependence [185]


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Verfahren zur Konsensbildung:

Erstellungsdatum:

05/2008

Letzte Überarbeitung:

Nächste Überprüfung geplant:

05/2011


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Stand der letzten Aktualisierung: 05/2008
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