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  Arbeitsgemeinschaft der
Wissenschaftlichen
Medizinischen
Fachgesellschaften

Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG)
Interdisziplinäre Expertengruppe


 AWMF-Leitlinien-Register  Nr. 015/063   Entwicklungsstufe:  1 


Diagnostik und Therapie peripartaler Blutungen

 


    Inhalt


    Präambel

  1. Hintergrund
  2. Schwere peripartale Blutungen gehören zu den lebensbedrohlichsten und unkalkulierbarsten Notfällen in der Geburtshilfe. Sie stehen mit einem Anteil bis zu 25% an schwangerschaftsassoziierten Komplikationen gemeinsam mit Thromboembolien an erster Stelle der mütterlichen Todesursachen (8) und kosten jährlich ungeachtet einer erheblichen Dunkelziffer weltweit ca. 140.000 Frauen das Leben, d.h., alle 4 Minuten stirbt eine Frau an einer postpartalen Blutungskomplikation (2). In den USA und Europa muss mit 1-2 mütterlichen Todesfällen auf 100.000 Lebendgeborene infolge von Blutungen gerechnet werden; lebensbedrohliche peripartale Blutungen betreffen 1:1000 Geburten (8). Ausweislich der Perinatalstatistiken ist bei 0,5-5% der vaginalen Geburten mit einem Blutverlust von > 1000 ml zu rechnen (4, 38, 54). Dabei ist eine Senkung der Prävalenz als Folge einer intensiven Publikationstätigkeit (Leitlinien, Empfehlungen) und einer Schulung des geburtshilflichen Personals unübersehbar.

    Peripartale Blutverluste nach vaginaler Geburt oder Kaiserschnitt werden häufig nicht gemessen oder drastisch unterschätzt (13, 15). Das Blutvolumen einer Schwangeren beträgt ca. 9% des Körpergewichts.

    Nach WHO-Definition liegt eine PPH vor

    Eine schwere Blutung wird wie folgt definiert (37, 62):

    Klinisch werden Blutverluste zwischen 500 und 1500 ml in der Regel ohne Schocksymptome toleriert (8). Symptome des hämorrhagischen Schocks bei höherem Blutverlust sind Agitiertheit, Bewusstseinstrübung, Kaltschweißigkeit, blasses Hautkolorit, Tachykardie, Hypotension, Hyperventilation und Oligo-Anurie.

    Hinsichtlich des Blutungszeitpunktes nach der Geburt wird zwischen einer frühen postpartalen Blutung (innerhalb von 24 Stunden nach der Geburt) und einer späten postpartalen Blutung (24 Stunden bis sechs Wochen nach der Geburt) unterschieden.

    Pathophysiologische Endstrecke starker Blutungen ist der hämorrhagische Schock und die Verlust- und/oder Verdünnungskoagulopathie. In speziellen Situationen (z.B. bei vorzeitiger Plazentalösung, Amnion-Infektionssyndrom, Puerperalsepsis, septischem Abort, Fruchtwasserembolie) kann es zu einer gesteigerten Aktivierung des Gerinnungssystems mit der Folge einer disseminierten intravasalen Gerinnung (DIG) und konsekutiver Verbrauchskoagulopathie kommen (47).

    Ziele der vorliegenden Empfehlungen sind die Prävention und die rechtzeitige Therapie klinisch relevanter peripartaler Blutungen zur Senkung der mütterlichen Morbidität und Mortalität.

  3. Risikofaktoren für eine PPH
  4. 2.1 Prä-, intra- und postpartale Risikofaktoren

    Grundsätzlich sollten frühzeitig in der Schwangerschaft anamnestische Risiken für eine PPH erfasst werden. Beim Zweittrimester-Ultraschallscreening sollte die Lokalisation der Plazenta dokumentiert und besonders bei anamnestischen Risiken (Voroperationen) oder Befundrisiken (Placenta praevia) an eine Implantationsstörung gedacht werden (vgl. 4.3.). In Tabelle 1 sind präpartale sowie intra- und postpartale Risikofaktoren zusammengefasst.

    Tab. 1: Risikofaktoren für eine PPH.

      Präpartal Intra- und postpartal
    Plazenta
    • Plazentalösungsstörung in der Anamnese
    • Placenta praevia und deren Risiken wie vorausgegangene Sectio
    • Placenta accreta, increta, percreta (53, 60)
    • Retinierte Plazentareste (4, 60)
    Uterus
    • Uterusatonie in vorangegangener Schwangerschaft (Wdh.-Risiko bis zu 25%)
    • vorausgegangene Uterusoperationen (z.B. Sectiones, Kürettagen)
    • Uterus myomatosus
    • Überdehnung des Uterus (z.B. Mehrlinge, Polyhydramnion, Querlage)
    • Uterusatonie (29, 31, 54)
    • Uterusruptur, Inversio uteri (60)
    Gerinnung
    • erworbene Gerinnungsstörung (z.B. medikamenteninduzierte oder organassoziierte Thrombopathie, Morbus Werlhof)
    • angeborene Gerinnungsstörung (z.B. von Willebrand-Jürgens-Syndrom, Einzelfaktorenmangel, angeborene Thrombopathien)
    • Komorbidität mit disseminierter intravasaler Gerinnung (DIG) ( z.B. bei schwerer Präeklampsie/HELLP-Syndrom, vorzeitiger Plazentalösung, Amnioninfektionssyndrom, Sepsis und Fruchtwasserembolie)
    • andere Hämostasestörungen (Verdünnungskoagulopathie, Hyperfibrinolyse etc.)
    Sonstiges
    • Risiken für eine vorzeitige Plazentalösung (hochpathologischer Uterinaflow, Thrombophilie)
    • Blutungen vor der Geburt
    • Multiparität (> 5 Geburten) (53)
    • Hypertensive Schwangerschaftserkrankung (60) (z.B. HELLP-Syndrom mit Gefahr der DIG)
    • Chorioamnionitis
    • Nikotinabusus
    • protrahierte Geburt (4, 60)
    • Geburtseinleitung und lang anhaltende Oxytocingabe (60)
    • Makrosomie (> 4000 g [4}] bzw. hypertrophes Neugeborenes ["large for gestational age"]) (60)
    • operative vaginale Entbindung (zum Teil isolierte Atonien des unteren Uterinsegmentes) (4, 60)
    • Verletzung der Geburtswege (60)
    • Kaiserschnitt (besonders Notsectio nach protrahiertem Geburtsverlauf) (53)

    2.2 Präventive Maßnahmen bei Vorliegen von Risikofaktoren für eine PPH

    Eine generelle Vorstellung aller Schwangeren in einer Geburtsklinik wird empfohlen, ggf. in einem Perinatalzentrum. In der Klinik sollten folgende Maßnahmen durchgeführt werden:

    1. adäquater Venenzugang unter der Geburt bei jeder Patientin, großlumige Venenzugänge bei Blutungskomplikationen,
    2. Bereitstellen von Uterotonika (Oxytocin, z.B. Syntocinon®), Prostaglandinen (z.B. Sulproston: Nalador® und sofern verfügbar bzw. erhältlich Misoprostol: Cytotec®, beachte Off-Label-Use),
    3. Logistik prüfen:
      • Verfügbarkeit eines "Notfall-Labors" (Blutbild, Blutgasanalyse [BGA], aPTT, Quick bzw. INR, Antithrombin [AT], Fibrinogen, evtl. Thrombelastographie [TEG]),
      • Anästhesist in Bereitschaft (im Haus),
      • erfahrener Geburtshelfer in Bereitschaft (im Haus),
      • Blutbank verfügbar: Entgegennahme der Kreuzprobe, zeitnahe Beschaffung von Erythrozytenkonzentraten und Frischplasma,
      • Verfügbarkeit von Gerinnungsfaktoren (Fibrinogen, rekombinanter Faktor VIIa [rFVIIa, NovoSeven®], Antifibrinolytika) prüfen.

    Zum Vermeiden von Schadensfällen sind diese Voraussetzungen in jeder Geburtsklinik zu überprüfen, insbesondere die zeitnahe Beschaffung (möglichst innerhalb von 30 Minuten) von Blutkomponenten (z.B. Gefrierplasma, Erythrozyten, Thrombozyten sowie Gerinnungsfaktoren).

  5. Prinzipien bei schwerer PPH
    1. Blutverlust messen! (Cave: Blutverluste in Tüchern usw.)
    2. rasche Klärung der Blutungsursache: Uterustonus tasten, auf unvollständige Plazenta überprüfen (Ultraschallkontrolle, manuelles oder instrumentelles Austasten), Trauma der Geburtswege durch Spiegeleinstellung ausschließen,
    3. ursachenabhängig medikamentöse und/oder chirurgische Therapie,
    4. Kontrolle der Vitalparameter, evtl. invasives Monitoring,
    5. initiale Volumensubstitution zum Erhalt der Normovolämie: Kristalloide und kolloidale Lösungen,
    6. Blut kreuzen lassen, Notfalllabor (u.a. Blutbild, Gerinnung),
    7. Erythrozytenkonzentrate und Gefrierplasma bestellen, ggf. bereitstellen (Kreißsaal, OP),
    8. bei kritischem Blutverlust (vgl. Tabelle 2): Applikation von Erythrozytenkonzentraten und Gefrierplasma, evtl. Gerinnungsfaktoren z.B. Fibrinogen, rFVIIa und andere Hämostatika (Tranexamsäure, Aprotinin, Desmopressin),
    9. Intensivüberwachung im stationären Verlauf, evtl. invasives Monitoring,
    10. Rechtzeitige operative Intervention bei Versagen konservativer Maßnahmen (Vorgehen s. 4.1.5).

    Tab. 2: Grenzwerte für die Substitution von Erythrozyten, Thrombozyten und Gerinnungsfaktoren bei akuter und anhaltender Blutung (modifiziert und aktualisiert nach [51]).

    Parameter Grenzwert
    Hämoglobin 7-8 g/dl
    Thrombozytenzahl < 50.000/µl
    INR-Wert > 1,5*
    aPTT > 1,5-fache Verlängerung des Normwertes
    Fibrinogen <, 1 g/l
    *entspricht z.B. Quick-Wert von < 40% mit Roche, Dade-Behring-Reagenz

  6. Blutungsursachen
  7. Die Blutungsursachen lassen sich in vier Kategorien unterteilen ("4Ts"):

    4.1 Postpartale Atonie

    Häufigste Ursache der PPH ist die Uterusatonie (67-80% aller PPH, 2-8% aller Geburten) (29, 31, 54):

    4.1.1 Pharmakologische Therapie

    Uterotonika sollten nach einem jeder Hebamme und jedem Geburtshelfer bekannten Applikationsschema verabreicht werden (Kreißsaalmanual, Notfallschema im Kreißsaal sichtbar):

    1. Oxytocin intravenös (ggf. intramuskulär): Insgesamt dürfen maximal 6 I.E. unverdünnt langsam intravenös appliziert werden, 3 I.E. als Bolus, eventuell weitere 3 I.E. fraktioniert + 10-40 I.E. Oxytocin in 500-1000 ml Ringerlaktatlösung als Dauertropfinfusion (Dosis abhängig von uteriner Wirkung [2]). Wirkungseintritt bei i.v. Gabe innerhalb von einer Minute, bei intramuskulärer Applikation (maximal 10 I.E.) 3-5 Minuten.

      Cave: Dosisabhängige hämodynamische Wirkung von Oxytocin, insbesondere bei Bolusgabe deutlich ausgeprägter als bei Kurzinfusion (z.B. 5 I.E. über 5 Minuten) infolge vasodilatatorischer Wirkung: Reflextachykardie, Erhöhung des Herzminutenvolumens, vorübergehender Abfall des arteriellen Blutdrucks (68).

      Daher: Hohes Risiko bei mütterlicher Hypotension und kardiovaskulärer Belastung; Myokardischämie und Todesfälle beschrieben (48, 67). Andere Nebenwirkungen: z.B. Blutdruckanstieg/-abfall, Herzrhythmusstörungen, Flush, Kopf- und Brustschmerzen, Übelkeit, Erbrechen besonders bei Bolusgabe. Minimale effektive Dosis von Oxytocin i.v. (ED90): 0,35 I.E. (9).

    2. Methylergometrin (Methergin®): 1 Ampulle (= 1 ml) enthält 0,2 mg Methylergometrin: Nach Jacobs (29) sollte Methergin® als intravenöse Bolusgabe nicht angewandt werden und wird aufgrund des Nebenwirkungsprofils in vielen deutschen Kliniken in intravenöser Applikationsform nicht mehr eingesetzt. In Deutschland u.a. zugelassen als langsame intravenöse Gabe bis zu 0,1 mg (eine halbe Ampulle) bei verstärkter postpartaler Blutung.

      Wichtige Kontraindikationen: Bluthochdruck, postpartal nach Präeklampsie/Eklampsie, ischämische Gefäßerkrankungen, schwere Leber- und Nierenfunktionsstörungen, Sepsis.

      Anmerkung: Zunehmende Zahl von Berichten über schwere mütterliche Komplikationen, z.B. Koronarspasmen, Herzrhythmusstörungen, Myokardinfarkte mit Todesfällen, zerebrale Angiopathie (20, 23, 36, 58, 72).

    3. Bei Versagen von Oxytocin unverzüglich intravenöse Gabe von Sulproston (Nalador® 500): 1 Ampulle = 500 µg in 500 ml Infusionslösung über Infusomaten, Anfangsdosis: 1,7 ml/Min., bei Bedarf bis maximal 8,3 ml/Min., Erhaltungsdosis: 1,7 ml/Min.

      Tagesmaximaldosis 1500 µg!

      Cave: Für die Behandlung der Uterusatonie oder postpartalen Blutung ist in Deutschland Prostaglandin F2a (Dinoprost, Minprostin® F2a) nicht mehr zugelassen. Misoprostol (Cytotec®) wurde inzwischen in Deutschland aus wirtschaftlichen Gründen vom Markt genommen, ist jedoch in anderen Ländern (z.B. Schweiz) verfügbar (Off-Label-Use beachten!). Dosierung: 1000 mg Misoprostol rektal (28, 34, 35, 66). Nach einer Cochrane-Analyse (39) liegen bisher keine ausreichenden Daten vor, die den Vorteil von Misoprostol gegenüber anderen First-Line-Uterotonika beweisen.

    4. Intrauterine Anwendung von Prostaglandinen: Bei Versagen der intravenösen Prostaglandinapplikation wurde über erfolgreiche uterine Tamponaden (z.B. mit Sulproston getränkte Bauchtücher) berichtet. Bei der Atonie ist die Wirksamkeit fraglich, da die Kontraktilität des Uterus behindert und das Infektionsrisiko erhöht wird. Bei diffusen Blutungen aus Plazentalösungsflächen kann eine Tamponade hilfreich sein, vor allem als effektive Überbrückungsmaßnahme vor operativer Intervention (2). Zur intrakavitären Anwendung von Sulproston liegen wenige Daten vor und es ist in dieser Applikationsform nicht zugelassen (Off-Label-Use)! Die intramyometrane Applikation von Sulproston (z.B. in den Fundus uteri bei Sectio caesarea) entspricht nicht der Zulassung. Zur intrakavitären Blutstillung ist der Bakri-Ballon (auch Sengstaken-Blakemore-Sonde oder ähnlicher Ballonkatheter, Inhalt ca. 300 ml) eine weitere mechanische Methode, zu der allerdings bei der postpartalen Uterusatonie die Datenlage begrenzt ist. Ein Zufuhrsystem ermöglicht nach intrauteriner Auffüllung des Ballons eine zusätzliche intrakavitäre Applikation von Uterotonika, der Ballon kann bis zu 24 Stunden in utero belassen werden. Verwendung des Ballonkatheters im Sinne eines Tamponade-Tests: falls wirksam, Belassen für 24 Stunden. Falls ungenügend wirksam: chirurgische Therapie (i.d.R. Laparotomie) notwendig (12, 59).

    4.1.2 Chirurgische Maßnahmen

    Nach Versorgung von Geburtsverletzungen und nach Ausschöpfen der manuellen und medikamentösen Maßnahmen (inklusive Tamponade-Test mit Ballonkatheter, s. 4.1.1) stehen die Embolisation und chirurgische Maßnahmen zur Verfügung mit dem Bestreben, den Uterus zu erhalten. Chirurgische Maßnahmen sind nachfolgend aufgeführt:

    1. Uteruskompressionsnähte: Ziel dieser Maßnahme ist die Verkleinerung der Plazentahaftfläche und die Tamponade der Blutungsquellen. Indiziert ist diese Maßnahme bei diffusen uterinen Blutungen nach Spontangeburt sowie nach vorausgegangener Sectio caesarea. Methoden:

      • klassische B-Lynch-Naht ("Hosenträger-Naht"), Details und Modifikationen der Methode bei Mousa und Walkinshaw (40), evtl. Modifikation nach Hayman mit durchgreifenden Rucksacknähten (19, 24) (Abbildung 1),
        Abbildung 1: Klassische B-Lynch-Naht ("Hosenträger-Naht")
      • Kompressionsnähte nach Pereira et al. (46): Kombination aus transversalen und longitudinalen Nähten (Abbildung 2),
        Abbildung 2: Naht nach Pereira, Kombination aus transversalen und longitudinalen Nähten
      • Methode nach Cho et al. (10): Vereinigung von Uterusvorder- und -hinterwand. Der Faden wird je zweimal transmural von vorne nach hinten und versetzt zurück gestochen, wobei 3-4 cm große Vierecke mit lokaler Adaptation der Uteruswände resultieren (sog. square suture). Dieses Verfahren eignet sich auch bei Blutungen im unteren Uterinsegment (Abbildung 3),
        Abbildung 3: Naht nach Cho, Vereinigung von Uterusvorder- und -hinterwand durch transmurale Nähte, hier gezeigt in Kombination mit abdomineller Ligatur der A. uterina nach O'Leary (siehe Abb. 4)
      • weitere Methoden: Z-Naht nach Kainer et al. (32): Der Faden wird mit einer großen Nadel quer durch die Vorder- und Hinterwand des Uterus gestochen; ist das Myometrium für eine zuverlässige Verankerung der Naht zu dünn, wird die Naht um 90° versetzt gelegt (ohne Abbildung);

    2. abdominelle Ligatur der A. uterina, selten Komplikationen (Fistel zwischen Arteria und Vena uterina, intraligamentäres Hämatom, Ureterläsion) (42) (Abbildung 4). Auch die transvaginale Ligatur der Arteria uterina wurde vereinzelt beschrieben (25). Cave: Ureterläsion.
      Abbildung 4: Abdominelle Ligatur der A. uterina nach O'Leary

    3. schrittweise uterine Devaskularisation: In fünf Schritten erfolgt die Ligatur der auf- und absteigenden Äste der Arteria uterina sowie der Kollateralen zur Arteria ovarica (1).

    4. Ligatur der Arteria iliaca interna: Diese Maßnahme ist technisch anspruchsvoll, da eine Freilegung der Arteria iliaca interna über 3-4 cm notwendig ist und die Arterie distal des dorsalen Hauptastes - ca. 2,5 cm hinter der Bifurkation - doppelt ohne Durchtrennung unterbunden wird. Vor der Ligatur müssen der Ureter, die Aa. iliacae externae und communes sowie die Vv. iliacae internae identifiziert werden. (Cave: Verletzung dieser Venen bei der Unterminierung der Arterien!)

    5. Laparoskopie: Anlage passagerer Uterinaclips (Yasargil-Clip) bds., die im Wochenbett laparoskopisch wieder entfernt werden (persönliche Mitteilung A. Schneider, Berlin).

    4.1.3 Arterielle Katheterembolisation

    Die Katheterembolisation der Aa. uterinae (Übersicht bei [55]) ist bei schweren geburtshilflichen Weichteilverletzungen, insbesondere bei Störungen der Plazentaimplantation, Uterusatonie, Zervix- und Abdominalgravidität, mit einem Erfolg von 80-100% eingesetzt worden (14, 43, 44, 63, 70, 71, 74). Die Katheterembolisation kann evtl. auch als Ultima Ratio bei persistierender diffuser Blutung im kleinen Becken nach bereits erfolgter postpartaler Hysterektomie durchgeführt werden (6). Jede geburtshilfliche Abteilung sollte abklären, ob und innerhalb welcher Zeit diese Methode im Klinikum zur Verfügung steht. Komplikationen: u.a. Perforation der Arteria iliaca interna (44), Uterus- und Blasennekrose (50), temporäre Ischämie des Musculus gluteus, ischialgiforme Neuropathie und Postembolisationssyndrom.

    4.1.4 Relative Kontraindikationen für uteruserhaltende Maßnahmen

    Uteruserhaltende Maßnahmen sind relativ kontraindiziert bei

    4.1.5 Postpartale Hysterektomie

    Die Hysterektomie ist die Ultima Ratio bei durch konservative Maßnahmen nicht beherrschbarer postpartaler Blutung (Häufigkeit: ca. 1:2500 Geburten) (31, 61). Dabei ist folgendes zu beachten:

    4.2 Geburtstraumatische Verletzungen

    Sie stehen mit ca. 10% an dritter Stelle der Ursachen postpartaler Blutungskomplikationen (54). Neben der Uterusruptur gelten vor allem ausgedehnte Scheidenrisse, Verletzungen der Zervix, parametrane Blutungen oder profuse Blutungen aus ausgedehnten Episiotomien (z.B. bei Varikosis) als Ursachen.

    Handlungsschema:

    4.3 Plazentareste oder Lösungsstörungen

    4.3.1 Retinierte Plazentareste

    Retinierte Plazentareste treten mit einer Häufigkeit von 1:300 Geburten auf. Klinische Hinweise sind eine verstärkte Blutung nach Entwicklung der Plazenta und eine mangelhafte Uteruskontraktion (nicht obligat).

    Vorgehen:

    4.3.2 Lösungsstörungen der Plazenta

    Lösungsstörungen sind Folge eines partiellen oder vollkommenen Fehlens der maternalen Dezidua, welches zu einem direkten Kontakt zwischen dem Chorion frondosum und dem Myometrium führt. Je nach Invasionstiefe wird unterschieden zwischen Placenta accreta, increta oder percreta (bis zur Serosa oder sogar über die Uterusgrenzen hinaus). Die Häufigkeit: liegt zwischen 1:540 und 1:7000 Geburten (steigende Prävalenz infolge steigender Sectioraten). 20% der Fälle sind kombiniert mit einer Placenta praevia.

    Präpartales Handlungsschema:

    4.3.2.1 Plazentalösungsstörungen nach vaginaler Geburt

    Placenta adhaerens, accreta, increta oder percreta sind Ursachen für eine Lösungsstörung nach vaginaler Geburt.

    Vorgehen:

    4.3.2.2 Plazentalösungsstörungen bei Sectio caesarea

    Bei ausgedehnten transmuralen Implantationsstörungen, insbesondere im Bereich der Uterusvorderwand (z.B. Placenta percreta), kann unter der Uterusserosa Plazentagewebe großflächig oder fokal durchschimmern; dabei sind großlumige subseröse Gefäße und Lakunen sichtbar. Bei unvorhergesehenen ausgedehnten Plazentaimplantationsstörungen sind folgende Maßnahmen möglich:

    1. Sectiohysterektomie, insbesondere bei unstillbarer und anhaltender starker Blutung aus dem Plazentabett (z.B. bei fokaler "iatrogener" Ablösung der Plazenta),
    2. Kindsentwicklung unter Umgehung der Plazentahaftstelle (z.B. Fundusquerinzision bei tief sitzender Vorderwandpercreta) und Belassen der Plazenta in utero,
    3. Bei gesicherter intraoperativer Diagnose (s.o.) kann auch eine Hysterektomie nach Kindsentwicklung ohne den Versuch der Plazentalösung vorgenommen werden.
    4. fokale Uteruswandresektion unter Belassen des Uterus bei lokal begrenzter Plazentalösungsstörung (30),
    5. fokale intrakavitäre Z-Nähte zur Blutstillung bei kleinen Blutungsarealen.

    Beim konservativen Vorgehen ohne Hysterektomie mit Belassen der Plazenta folgt nach der Kindsentwicklung die übliche Gabe von Uterotonika, keine manuelle Lösung, sondern das Belassen der Plazenta und zweischichtiger Verschluss der Uterotomie mit Einzelknopfnähten (41, 45). Grundsätzlich ist ein expektatives Vorgehen bei belassener Plazenta über mehrere Wochen möglich und es kann zweizeitig die Spontangeburt der Plazenta erfolgen (26, 41, 69). Bei postoperativer hämoglobinwirksamer Blutung nach Belassen der Plazenta kann mittels uteriner Embolisation oder über einen Ballonkatheter in der Arteria iliaca interna auch eine (gegebenenfalls passagere) Gefäßokklusion erzielt werden. Ob damit ein verminderter perioperativer Blutverlust zu erzielen ist, wird in der Literatur kontrovers diskutiert (7, 43). Eine zweizeitige Hysterektomie nach vorausgegangener Sectio mit partieller Rückbildung kann besser planbar sein und die Operationsmorbidität senken (41, 43).

    4.4 Koagulopathie

    4.4.1 Verlustkoagulopathie

    Die Verlustkoagulopathie ist die häufigste Ursache der peripartalen Hämostasestörung. Mit ihr muss ab einem Blutverlust von ca. 1,5 l gerechnet werden. Die Substitution großer Blutverluste mit kristalloiden und kolloidalen Lösungen sowie Erythrozytenkonzentraten führt zu einer Verdünnung mit Abfall der Konzentration aller Gerinnungsfaktoren und deren Aktivität. Eine blutungsbedingte Verlustkoagulopathie geht daher nahezu immer mit einer Verdünnungskoagulopathie einher, deren Ausmaß von Art und Menge des zugeführten Volumenersatzmittels, den Ausgangskonzentrationen der Hämostasefaktoren und der Dynamik des Blutverlustes abhängig ist. Wenn das gesamte Blutvolumen nur mit Erythrozyten, kristallinen und kolloidalen Lösungen ersetzt wird, liegt die Restaktivität der Gerinnungsfaktoren zwischen 30 und 40% und ist damit für eine Hämostase noch gerade ausreichend (16).

    Nach ca. 2,5-fachem Ersatz des Blutvolumens ist mit einer klinisch relevanten Thrombozytopenie (< 50.000/µl) zu rechnen (27). Die Fibrinpolymerisation wird durch die Interaktion mit künstlichen Kolloiden gestört. Darüber hinaus wird die Koagulopathie durch eine Hypothermie (z.B. nach Infusion nicht vorgewärmter Volumenersatzmittel) und eine Azidose begünstigt (22).

    4.4.2 DIG und Verbrauchskoagulopathie

    Die häufigsten Ursachen einer disseminierten intravasalen Gerinnung (DIG) mit konsekutiver Verbrauchskoagulopathie in der Geburtshilfe sind:

    Ein "Dead-fetus-Syndrom" als Ursache für eine maternale Gerinnungsstörung gibt es wahrscheinlich nicht.

    Eine DIG mit Verbrauchskoagulopathie entwickelt sich in drei Phasen:

    4.4.3 Diagnostik der DIG

    Neben den in Tabelle 2 dargestellten diagnostischen Parametern und Grenzwerten sind folgende Untersuchungen von Bedeutung:

    Bei DIG ist eine intensivmedizinische Überwachung obligat. Es ist eine Verlaufsdiagnostik der Gerinnungsparameter (INR, aPTT, Fibrinogenspiegel, Antithrombinspiegel, D-Dimere, ggf. Thrombelastographie [TEG], Blutbild) zu fordern.

    4.4.4 Therapie der gestörten Hämostase

    Entscheidend für das Ausmaß der Hämostasestörung und für die Prognose ist die rechtzeitige Beseitigung der Krankheitsursache (z.B. rasche Entbindung bei schwerer vorzeitiger Lösung oder bei DIG). Die kritischen Grenzwerte bei akuten Blutungskomplikationen sind in Tabelle 2 zusammengestellt. Bei persistierender Blutung sollte wie folgt vorgegangen werden:

    1. adäquate Volumenzufuhr mit vorgewärmten kristalloiden und kolloidalen Lösungen,
    2. Korrektur der metabolischen Azidose, Aufrechterhaltung der Normothermie, ionisiertes Kalzium im Normbereich halten (z.B. durch Gabe von Basen oder ionisiertem Kalzium),
    3. Blutverlust > 20% des Blutvolumens bzw. Erreichen der in Tabelle 1 aufgeführten Grenzwerte: Applikation von Erythrozytenkonzentraten und Gefrierplasma (FFP, initial 15-20 ml pro kg Körpergewicht) (vgl. 3). Im Notfall ohne Kreuzprobe: Erythrozytenkonzentrate der Blutgruppe 0 Rhesus negativ und Gefrierplasma der Blutgruppe AB,
    4. Gefrierplasma nicht ausreichend wirksam/nicht vorhanden:
      • Fibrinogen-Konzentrate: Im Allgemeinen ist eine Substitution mit 2-4 g ausreichend. Nach Fibrinogengabe sollte die Fibrinogenkonzentration mindestens 1 g/l betragen. Die Gabe von 3 g Fibrinogen bei einem Plasmavolumen von 3 l erhöht die Fibrinogenkonzentration um ca. 1 g/l. CAVE: Fibrinogen sollte allerdings nur dann appliziert werden, wenn eine pathologisch gesteigerte Gerinnungsaktivierung (zu meist mit Hyperfibrinolyse) nicht mehr fortbesteht (in der akuten geburtshilflichen Situation schwierig zu beurteilen). Es sollte vor der Fibrinogengabe ein Antifibrinolytikum, z.B. 1000 mg Tranexamsäure i.v., verabreicht werden (57, 65).
      • Wenn die INR nicht mit Frischplasma korrigiert werden kann, können PPSB-Präparate appliziert werden, z.B. 20 IE/kg KG bei INR 1,5-2,0. Cave: Potentiell thrombogenes Risiko u.a. durch hohe Prothrombin-Konzentrationen (lange Halbwertszeit).
    5. Rechtzeitige Applikation von rFVIIa erwägen; rFVIIa ersetzt nicht adäquate chirurgische, embolisierende und konventionelle hämostatische Maßnahmen (52, 73); durch rFVIIa kann jedoch eine postpartale Hysterektomie eventuell vermieden werden. Die Indikation zur Gabe wird in Kooperation zwischen Geburtshelfern, Intensivmedizinern/Anästhesisten und, wenn möglich, Hämostaseologen gestellt. Bisher existieren in der Geburtshilfe keine verbindlichen Empfehlungen zur Dosis und zu Applikationsintervallen/Wiederholungsgaben: (Lit. bei 17, 18). Üblicherweise werden 60-120 µg/kg KG rFVIIa als Bolus i.v. und bei anhaltend schwerer Blutung eventuell als zweiter Bolus nach 15 Min. bis maximal 60 Minuten 60-120 µg/kg KG rFVIIa gegeben.
    6. CAVE: vorherige Gabe von PPSB wegen erhöhter Prothrombin-Konzentrationen (s.o.).
    7. Thrombozytopenie (< 50.000/µl) bei persistierendem Blutverlust mit Notwendigkeit zur Erythrozytensubstitution stellt eine zwingende Indikation zur Thrombozytentransfusion dar (21, 51, 56, 64).
    8. Bei nachgewiesener Hyperfibrinolyse (Clot-Observation-Test, TEG-Analyse) sollten Antifibrinolytika (z.B. Tranexamsäure mindestens 1000 mg i.v.) gegeben werden bzw. bei Verdacht die Gabe erwogen werden.
    9. Kein Heparin während der Blutung oder bei erhöhter Blutungsgefahr (Cave: Blutungsverstärkung!), stattdessen Antithrombin-Aktivität =70% einstellen, je nach Blutverlust 1000-2000 I.E., AT-Konzentrat-Gabe, z.B. 2000 I.E., bei gesamtem Blutvolumenverlust.
    10. Eine Kontrolle der Hämostaseparameter sollte mindestens alle vier Stunden erfolgen, in der akuten Situation häufiger (ca. alle 30 Minuten).

Literatur

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Verfahren zur Konsensbildung

 

Erstellungsdatum:

06/2008

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Stand der letzten Aktualisierung: 06/2008
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