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| Arbeitsgemeinschaft der
Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften |
| AWMF-Leitlinien-Register | Nr. 015/009 | Entwicklungsstufe: | 1 |
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Besonderen Dank möchten wir an dieser Stelle den Mitgliedern der interdisziplinären S3-Leitlinienkommisssion zum Harnwegsinfekt aussprechen, die uns ihre Materialien großzügig zur Verfügung gestellt haben.
Frauen mit Infektion der unteren Harnwege/Harnblase
Diagnose
Anamnese
Die Anamnese ist das wichtigste Instrument der Diagnostik. Bei Vorliegen einer gleichzeitigen Dys- und Pollakisurie und fehlenden Symptomen einer Kolpitis kann die Diagnose gestellt werden. Ein aufsteigender Harnwegsinfekt und eine systemische Komponente müssen klinisch ausgeschlossen werden.
Urinuntersuchung
Streifentests und Mikroskopie des Urins können die Diagnose unterstützen.
Urinkultur: Eine Urinkultur ist meist nicht erforderlich. Sie kann einen Stellenwert bei rezidivierenden oder komplizierten Harnwegsinfektionen haben.
Therapie
| 1. Wahl: | 1 Tag Fosfomycin 1 x 3000 mg 3 Tage Trimethoprim/Sulfamethoxazol 2 x 160/800 mg p.o.
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| 2. Wahl: | 3 Tage Fluorchinolone p.o. 7 Tage Nitrofurantoin 2 x 100 mg p.o., Amoxicillin 3 x 500 mg oder Cephalosporine |
Tabelle 1: Risikofaktoren für Harnwegsinfektionen.
| Weibliches Geschlecht |
| Alter |
| Sexuelle Aktivität |
| Diabetes mellitus |
| Antibiotikatherapie in den letzten 2-4 Wochen |
| Gebrauch von Diaphragmen und Spermaziden |
| Stuhlinkontinenz/Fisteln |
| Vaginale Fehlbesiedlung |
Tabelle 2: Komplizierende Faktoren eines Harnwegsinfektes.
| Diabetes mellitus |
| Immunsuppression |
| Anatomische Fehlbildungen |
| Hospitalisierung |
| Katheter |
| Operation/Manipulationen an den Harnwegen |
| Pyelonephritis |
| > 7 Tage persistierende Symptome |
Eine Pyelonephritis kann angenommen werden, wenn Flankenschmerzen, ein klopfschmerzhaftes Nierenlager und/oder Fieber (> 38 °C) vorliegen. Symptome einer Zystitis können, müssen aber nicht vorhanden sein.
Labortests beim Harnwegsinfekt werden durch zahlreiche Faktoren erschwert. Ein wesentliches Problem stellt die Gewinnung einer Probe dar, die keine vaginale und perineale Kontamination aufweist, wobei der Nachweis mehrer Keimarten ein Hinweis auf eine Kontamination der Probe ist.
3.1.2 Streifentests
Streifentest weisen die Leukozyten-Esterase und damit indirekt eine Pyurie nach. Bei hoher Sensitivität ist die Spezifität niedrig, so dass der positive Vorhersagewert dieses Tests nur 50% beträgt.
Der Nachweis von Nitrit mit einem Streifentest ist sehr spezifisch, aber nur wenig sensibel, da er nur bei Bakterien, die Nitratreduktase produzieren, positiv sein kann und zudem eine ausreichend lange Verweildauer des Urins in der Blase erforderlich ist (6, 18, 42, 46).
Die Mikroskopie des nativen zentrifugierten Urins wird in der frauenärztlichen Praxis nur selten durchgeführt, ihre Aussagekraft hängt stark von der Erfahrung des Untersuchers ab.
3.1.2 Urinkultur
Die Sensitivität der Urinkultur variiert in Abhängigkeit von der Definition für eine signifikante Keimzahl zwischen 50 und 95%, die Spezifität variiert zwischen 85 und 99%. Es besteht derzeit kein Konsensus bezüglich der "signifikanten" Keimzahl. Die klassische Anzahl von 105 Keimen pro ml wurde verlassen, da auch bei niedrigeren Keimzahlen in der Kultur ein Harnwegsinfekt in einen früheren, aber durchaus symptomatischen Stadium vorliegen kann, so dass derzeit zwischen 10² und 104 Keime als Nachweisgrenze diskutiert werden (1, 14, 36, 39). Wegen der geringen Sensitivität, der Verzögerung des Therapiebeginns und der Kosten hat die Urinkultur bei ambulant erworbenen akuten Harnwegsinfektionen keinen Stellenwert. Bei komplizierten Harnwegsinfektionen sollte ihr Einsatz erwogen werden (2, 16, 21, 43, 45).
Mit Fosfomycin ist eine Single-Shot-Therapie möglich, die genauso effektiv ist wie die Therapie mit anderen etablierten Regimen (7 Tage Nitrofurantoin, 5 Tage Trimetoprim) (22, 27, 40), die Resistenzraten in Deutschland liegen bei E. coli unter 5% (20, 28).
Die Therapiedauer bei akuten unkomplizierten Harnwegsinfekten sollte drei Tage betragen, wenn Trimethoprim/Sulfomethoxazol oder Fluorchinolone verwendet werden. Auf die zunehmenden Resistenzraten bei Trimethoprim/Sulfomethoxazol muss bei der bisherigen Standardtherapie Rücksicht genommen werden, der Einsatz der Fluorchinolone sollte zurückhaltend sein, um einer Resistenzentwicklung vorzubeugen.
Längere Therapien erhöhen die Rate an Nebenwirkungen, scheinen aber bei β-Laktam-Antibiotika und Nitrofurantoin die Rate der vollständigen Keimeradikationen zu erhöhen (26) (Tabelle 3).
Tabelle 3: Therapie des akuten unkomplizierten symptomatischen Harnwegsinfektes.
| Substanz | Dosis | Dauer | |
| 1. Wahl | Fosfomycin | 3000 mg 1 x | 1 Tag |
| Trimethoprim/Sulfametoxazol | 160/800 mg 2 x tägl. | 3 Tage | |
| 2. Wahl | Ciprofloxacin | 250 mg 2 x tägl. | 3 Tage |
| Nitrofuratoin | 100 mg 4 x tägl. | 7 Tage | |
| Amoxicillin | 500 mg 3 x tägl. | 7 Tage |
Die Effektivität einer erhöhten Trinkmenge sowie verschiedener pflanzlicher Substanzen wurde bisher nicht systematisch untersucht. Diese begleitenden Maßnahmen können daher nicht als Therapieoptionen empfohlen werden.
Pyelonephritiden mit milden oder fehlenden systemischen Symptomen können mit einer oralen Antibiotikatherapie behandelt werden. Eine zweiwöchige Therapiedauer ist bei klinisch unauffälligem Verlauf ausreichend. Da die Erregerempfindlichkeit und das -spektrum der unkomplizierten Zystitis entspricht, gelten bezüglich der Antibiotikaauswahl dieselben Kriterien. Wegen der erforderlichen Therapiedauer und des höheren Remissionsdrucks sollten Fluorchinolone zur oralen Therapie eingesetzt werden (Ciprofloxacin 500-750 mg 2 x täglich oder Levofloxacin 500-750 mg 1 x täglich). Bei schweren Verläufen mit Übelkeit, Erbrechen und Kreislaufinstabilität sollte die initiale Therapie stationär mit hohen parenteralen Dosen begonnen werden (Aminopenicilline, Cephalosporine oder 3.-Generations-Aminogykoside), die bei Besserung dann als orale Therapie fortgeführt werden kann. Bei schweren Verläufen sollten anatomische und funktionelle Anomalien mit bildgebenden Verfahren rasch ausgeschlossen werden, da diese Patientinnen besonders gefährdet sind, eine Urosepsis zu entwickeln.
Eine asymptomatische Bakteriurie geht nicht mit einer erhöhten Rate von Komplikationen einher, die Lebenserwartung wird nicht beeinträchtigt. Daher bedarf sie primär keiner Therapie, auch ein Screening älter Frauen und von Diabetikerinnen ist nicht sinnvoll. Eine Therapie ist auch wegen der fehlenden Effektivität, der Rezidivneigung, der Nebenwirkungen der verwendeten Medikamente und der entstehenden Kosten nicht indiziert. Ausgenommen hiervon sind asymptomatische Bakteriurien in der Schwangerschaft, vor Operationen am Harntrakt, bei Nierentransplantierten und bei Kindern; in diesen Fällen ist auch eine asymptomatische Bakteriurie therapiepflichtig (29).
Die Therapie einer erneuten Infektion unterscheidet sich nicht von der eines sporadischen Infektes. Bei einem sehr frühen Rezidiv muss die Möglichkeit des erneuten Aufflammens einer nicht vollständig therapierten Infektion bedacht werden. In diesen Fällen sollte eine antibiotische Therapie über zwei Wochen durch-geführt und eine Urinkultur zur Dokumentation der vollständigen Keimeradikation gewonnen werden. Die Indikation zur strukturellen Abklärung der Harnwege ist bei wiederholten Infektionen zum Ausschluss von Fehlbildungen, Fremdkörpern und Fisteln gegeben.
Bei rezidivierenden Harnwegsinfekten kommt der Prophylaxe eine besondere Bedeutung zu. Die Maßnahmen sind in Tabelle 4 zusammengefasst. Zu verhaltenstherapeutischen Maßnahmen (wie z.B. Reinigung des Anus von vorn nach hinten nach der Defäkation, Meiden desinfizierender Substanzen und einer übertriebenen Genitalhygiene, ausreichende Flüssigkeitszufuhr, häufige Miktion, postkoitale Miktion, Vermeidung der Einwirkung von Kälte und Nässe) gibt es wenig wissenschaftlich erhobene Daten. Die lokale Östrogenisierung scheint bei postmenopausalen Frauen wirksam zu sein (33), auch die Effektivität der prophylaktischen Anwendung von Cranberry-Produkten konnte nachgewiesen werden, allerdings gibt es hier keinen Konsens zu Dosierung und Darreichungsform (19).
Impfungen mit oral applizierten E.-coli-Zellwandfraktionen konnten in mehreren Studien eine gute Effektivität zeigen (3, 4). Über immunmodulierende Maßnahmen und Substanzen zur Urothelprotektion sind nur wenige Daten verfügbar. Da die Anamnese der wichtigste Bestandteil der Diagnostik beim Harnwegsinfekt ist, kann eine selbst initiierte Therapie beim ersten Auftreten von Symptomen eines Rezidivs nach vorheriger ärztlicher Beratung die Lebensqualität der betroffenen Frauen verbessern. Bei der antibiotischen Dauerprophylaxe sollte wegen des al-lergisierenden Potentials kein Sulfonamid verwendet werden, und es sollte auf Substanzen verzichtet werden, die das physiologische intestinale und vaginale Keimspektrum beeinflussen (Fluorchinolone und β-Laktam-Antibiotika).
Tabelle 4: Möglichkeiten zur Prophylaxe rezidivierender Harnwegsinfektionen.
| Nahrungssupplemente | Cranberry-Saft oder -Tabletten |
| Ansäuern des Urins (Ziel-pH: 5-6) mit Methionin | |
| Lokale Östrogenisierung in der Postmenopause | |
| Antibiotika | postkoital 100 mg Nitrofurantoin oder Trimethoprim p.o. |
| Antibiotische Dauerprophylaxe mit 100 mg Nitrofurantoin oder Trimethoprim p.o./Tag |
Federführend
Prof. Dr. med. Dirk Watermann, Universitätsfrauenklinik Freiburg für die AGUB
Mitarbeit (alphabetisch)
PD Dr. med. Monika Hampl, Universitätsfrauenklinik Düsseldorf für die AGII
Univ.-Prof. Dr. med. Udo B. Hoyme, Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe des HELIOS Klinikums Erfurt für die AGII
Dr. med. Annette Maleika, Universitätsfrauenklinik Heidelberg für die AGUB
Dr. med. Ulrich Steigerwald, Frauenklinik Enzkreis-Kliniken für die AGUB
Univ.-Prof. Dr. med Karl Tamussino, Universitätsfrauenklinik Graz für die AGUB
Diese Handlungsempfehlung verliert ihre Gültigkeit mit der Akkreditierung der S3-Leitlinie zum Harnwegsinfekt, deren Fertigstellung im Winter 2008/2009 erwartet wird (Federführung: Deutsche Gesellschaft für Urologie).
© DGGG 2008
