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 AWMF-Leitlinien-Register  Nr. 015/006   Entwicklungsstufe:  1 + IDA 

Descensus genitalis der Frau

- Diagnostik und Therapie -

Inhaltsverzeichnis


Präambel

Methoden


  1. Definition
  2. Als Descensus genitalis wird das Tiefertreten der Scheide und des Uterus bezeichnet. Das Tiefertreten bis zum Hymenalsaum wird im deutschsprachigen Raum allgemein als Deszensus, ein Tiefertreten über den Hymenalsaum hinaus als Prolaps definiert. In der englischsprachigen Literatur wird dagegen jeglicherDeszensus als "prolapse" bezeichnet.

  3. Diagnostik
  4. 2.1. Anamnese

    2.2 Klinische Untersuchung

    Empfohlen wird eine standardisierte Beurteilung des Deszensus (siehe Tabelle 1).
    Es gibt eine Vielzahl von Klassifikationen des Deszensus/Prolaps. Für die klinische Anwendung hat sich folgende Einteilung bewährt:

    Tabelle 1. Gradeinteilung des Deszensus genitalis.

    Grad I Die grösste distale Ausdehnung reicht mehr als 1 cm oberhalb des Hymenalsaumes
    Grad II Die grösste distale Ausdehnung erreicht den Introitus
    Grad III Die grösste distale Ausdehnung reicht bis max. 2 cm vor den Introitus (außerhalb)
    Grad IV Totalprolaps

    2.3. Bildgebung

    2.3.1. Sonographie

    fakultativ:

    2.3.2. Röntgen

    fakultativ:

    2.3.3. Kernspinuntersuchung

    fakultativ:

    2.4. Funktionsdiagnostik

    Eine urodynamische Untersuchung ist vor einer geplanten Deszensusoperation zu empfehlen, um eine larvierte Belastungsinkontinenz und Blasenentleerungsstörungen objektivieren zu können. Falls eine gleichzeitige Anti-Inkontinenzoperation diskutiert wird, sollte die Urodynamik erfolgen. Siehe auch 3.7.

    2.5. Endoskopie

    Bei der Deszensusdiagnostik wird eine zusätzliche Urethrozystoskopie dann empfohlen, wenn zusätzliche Drangsymptome, Entleerungsstörungen, rezidivierende Harnwegsinfekte oder eine Hämaturie bestehen, um morphologische Ursachen wie Harnblasentumore oder Steine, Harnröhrenstenosen oder chronische Urothelveränderungen auszuschließen.

    Empfehlungen zur Diagnostik können nur als Expertenmeinung mit einem Evidenzlevel 4 gegeben werden, da es keine prospektiv- randomisierten Studien gibt, die die Notwendigkeit bestimmter diagnostischer Maßnahmen belegen.

    Literatur: 1, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9

  5. Therapie
  6. 3.1. Konservative Therapie

    Da viele Frauen sich eines Genitaldeszensus nicht bewusst sind, sollte eine operative Therapie nur bei Symptomen und Leidensdruck erfolgen. Zur konservativen Therapie gehören die klinische Beobachtung, Abbau von bekannten Risikofaktoren wie Adipositas, Nikotinabusus und chronische Obstipation, die digitale Unterstützung der Defäkation (Fingerdruck auf die hintere Scheidenwand oder das Perineum) und die Beckenboden-Rehabilitation, wie das gezielte Anspannen vor intraabdominaler Druckerhöhung z.B. beim Heben von Lasten (EL 4). Die systemische Hormonersatztherapie ist nicht vorteilhaft für den Beckenboden und sollte nicht explizit gegen Deszensus oder Inkontinenz verordnet werden 10 (EL 2a). Die lokale Östrogenisierung hingegen ist etabliert für irritative Symptome 11, 12 und ist essentiell bei der Pessartherapie zur Vermeidung von lokalen Läsionen und Nekrosen 13 14 (EL 2a). Es gibt derzeit keine randomisiert-kontrollierten Studien zur Pessarverwendung in der Deszensustherapie 15. Beobachtungsstudien zeigen jedoch, dass bei 50-73% der Patientinnen ein Pessar erfolgreich angepasst werden kann. Die erfolgreiche Weiterführung ist mit 41-67% jedoch etwas geringer 16, 17, 18 (EL 2b).

    Die Indikationen zur Pessartherapie können der Wunsch nach konservativer Therapie, nicht abgeschlossene Familienplanung und ein erhöhtes perioperatives Komplikationsrisiko aufgrund von Co-Morbiditäten sein 19 (EL 3). Die Patientin sollte angeleitet werden, das Pessar selbstständig einzusetzen und über Nacht zu entfernen. Ein Ring- oder Schalenpessar eignet sich gut bei einem vermehrten Deszensus der vorderen Vaginalwand, ein Würfel- oder Gelhornpessar kann auch eine Rektozele reponieren, ist aber vorwiegend beim Scheidenstumpfdeszensus indiziert. Mit einem Pessar kann eine Verbesserung der Miktion und Defäkation erreicht werden (EL 2b) 20, 21 22. Patientinnen nach Hysterektomie oder Prolapsoperationen sowie Frauen mit kurzer Scheidenlänge und klaffendem Introitus haben geringere Erfolgsraten 23. Das Ausmaß des Prolapses hat keinen Einfluss auf den Erfolg 24 (EL 3).

    3.2. Operative Therapie des vorderen Kompartiments

    Erfolgsraten (Nachkontrollzeit > 12 Monate)

    Vordere Scheidenplastik mit Eigengewebe: 54-100% 25, 26, 27, 28, 29, 30, 31, 32, 33
    Summe Versager: 137 / 612 → = Erfolgsrate 78%
    Fixierte anteriore Netzinterpositionen mit oder ohne Faszienkorrektur: 74-100% 28, 33, 34, 35, 36, 37, 38, 39, 40, 41
    Summe Versager: 38 / 608 → = Erfolgsrate 94%
    Nicht-fixierte anteriore Netzauflagen auf der vorderen Plastik: 89-94% 42, 43 Cave: nur zwei Studien
    Summe Versager: 8 / 87 → = Erfolgsrate 91%
    Auflage Schweinedermis (Pelvicol) über der vorderen Plastik: 64-93% 28, 29, 44, 45
    Summe Versager: 37 / 232 → = Erfolgsrate 84%
    Auflage Fascia lata (Tutoplast) über der vorderen Plastik: 79%,
    Versager: 16 / 76 30 Cave: nur ein RCT  
    Auflage Polyglactin910 (Vicryl) über der vorderen Plastik: 42-75% 31, 32, 45
    Summe Versager: 52 / 161 → = Erfolgsrate 68%
    Perigee-System: 89%
    Versager 8/ 72 46 Cave: nur eine Studie  
    Paravaginale Defektkorrektur: 47
    Vaginal: 78-100% 48, 49, 50;
    abdominal: 76-97% 51, 52,
    laparoskopisch: 76-92% 53, 54, 55
     

    Ergebnisse randomisierter Studien 56

    Eine Metaanalyse von zwei RCT im Cochrane-Review 2007 zeigte, dass die zusätzliche Vicryl-Netz-Auflage über der anterioren Scheidenplastik die Zystozelen-Rezidivrate senken kann (EL 1a) 31, 32. Allerdings waren in allen Armen in beiden Studien die Rezidivraten sehr hoch. Zu bemerken ist ausserdem, dass keine apikale Fixation erfolgte, obwohl bei Sand et al. 32 die Mehrzahl der Frauen gleichzeitig eine hintere Plastik erhielt.
    Der zusätzliche Einsatz von Fascia lata über der vorderen Plastik bringt keine Vorteile im Vergleich zur isolierten vorderen Plastik (EL 1a). 30
    Der Zusatz von proximal und lateral fixiertem Polypropylene-Netz reduziert die Zystozelen-Rezidive im Vergleich zur isolierten vorderen Plastik 33 (EL 1b), allerdings bestehen in diesem RCT grosse Unterschiede in den Operationen der beiden Gruppen: In der Mesh-Gruppe wurde zum einen das Netz apikal an den Sakrouterinligamenten fixiert und zum anderen wurden deutlich mehr gleichzeitige Hysterektomien durchgeführt, wobei meist ebenfalls eine apikale Fixation erfolgt. Der Zusammenhang zwischen apikalen und anterioren Supportdefekten ist bekannt 57, 58. Ein ähnliches Problem weist der RCT von Meschia et al. auf, die eine klassische vordere Plastik mit einer fixierten Pelvicol-augmentierten Operation verglichen. 29

    Postoperative Komplikationen beim Einsatz von nicht-absorbierbaren Netzen (Polypropylene)

    Dyspareunie: 14-24% (de novo oder schlimmer als vor der Operation), 59, 60 61
    Mesh-Retraktion oder -Schrumpfung assoziiert mit Schmerzen: 3-19% 62, 63
    Vaginale Netzerosion: 6-19% 60, 61, 62, 63

    Fazit vorderes Kompartiment

    Für die Primärsituation bleiben je nach Art der Zystozele die vordere Plastik bei medianem Fasziendefekt und die paravaginale Defektkorrektur bei lateralen Aufhängungsdefekten gute Optionen (EL 1b). Der zusätzlichen Sicherung des mittleren Kompartimentes muss besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden, da sonst höhere Rezidivraten zu erwarten sind (EL 2). Die einzige randomisierte Studie mit Einsatz eines nicht-resorbierbaren Netzes demonstrierte zwar einen Vorteil gegenüber der isolierten vorderen Plastik, allerdings bestanden bedeutsame Unterschiede in den Gruppen, die die generelle Anwendbarkeit der Studie limitieren: Die vordere Plastik erfolgte ohne apikale Fixation, während das Netz mit vier Armen gesichert wurde. 33
    Der Einsatz von Typ-1-Polypropylenenetz kann z.B. bei grossem Prolaps, Rezidiv-Deszensus und bei Patientinnen mit erhöhtem Sicherheitsbedürfnis hinsichtlich der anatomischen Korrektur diskutiert werden, allerdings sind diese Indikationen nicht mit Studien belegt (EL 4). Die ausführliche Aufklärung über die höhere Komplikations- und Re-Operationsrate ist obligat. Insbesondere wenn die Komplikationsraten betrachtet werden, gibt es zurzeit keinen Anlass, nicht-resorbierbare Netze routinemässig bei primären vaginalen Deszensusoperationen am vorderen Kompartiment einzusetzen (EL 1b).

    3.3. Operative Therapie des hinteren Kompartments

    Erfolgsraten (Nachkontrollzeit > 12 Monate)

    Hintere Scheidenplastik mit Eigengewebe: Mediane Faszienraffung: 82-89% 64, 65, 66, 67, 68, 69:
    Summe Versager: 49 / 341 → = Erfolgsrate 86%
    Hintere Scheidenplastik mit Eigengewebe: Defektspezifische Korrektur: 56-94% 64, 66, 70, 71, 72
    Summe Versager: 79 / 271 → = Erfolgsrate 71%
    Operationen mit nicht-resorbierbaren synthetischen Netzen: 78-100% 34, 37, 40, 42, 73, 74
    Summe Versager: 11 / 239 → = Erfolgsrate 95%
    Apogee-System: 100%
    Versager 0 / 48 30 Cave: nur eine retrospektive Studie  
    Hintere Scheidenplastik mit Schweinedermis (Pelvicol)-Einsatz: 54-59% 66, 75
    Summe Versager: 23 / 53 → = Erfolgsrate 57%
    Hintere Scheidenplastik mit Schweinedarm-Kollagen (Surgisis): 71%
    Versager: 7 / 26 Cave, nur eine Studie 44  
    Hintere Scheidenplastik mit Fascia lata (Tutoplast): 76%, 65
    Versager: 8 / 56 Cave: nur ein RCT als Abstract  
    Hintere Scheidenplastik mit Polyglactin910 (Vicryl)-Auflage: 88% 32
    Versager: 9 / 73 Cave: nur ein RCT  

    Ergebnisse aus randomisierten Studien 56

    Der zusätzliche Einsatz von Vicryl, Pelvicol und Fascia lata über der hinteren Plastik erhöht nicht die Erfolgsraten 32, 65, 66 (EL 1b), bzw. führt teilweise zu signifkant schlechteren Ergebnissen 66. Die transvaginale Rektozelen-Korrektur ist der transanalen überlegen (EL 1a) 67, 68, 69.

    Fazit hinteres Kompartiment

    Die hintere Scheidenplastik mit Eigengewebe als mediane Faszienraffung ohne Netzeinlage hat eine Erfolgsrate von 86% und bleibt für die Primärsituation eine gute Option, vorzugsweise als mediane Faszienraffung (EL 1b). Die wenigen randomisierten Studien demonstrieren keinen eindeutigen Vorteil von Operationen mit Xenograften. Zur Anwendung von nicht-resorbierbarem Mesh sind keine randomisierten Studien vorhanden. Zur Zeit gibt es keinen Anlass, nicht-absorbierbare Netze routinemässig bei primären vaginalen Deszensusoperationen am hinteren Kompartiment zu verwenden (EL 2). Die durchschnittlich um 10% höhere anatomische Erfolgsrate beim Einsatz von synthetischem Mesh muss den höheren Komplikationsraten mit Dyspareunie, Mesherosionen und Meshschrumpfung mit Schmerzen gegenübergestellt werden (EL 2).

    3.4. Operative Therapie des mittleren Kompartiments

    Erfolgsraten (Nachkontrollzeit > 12 Monate)

    Sakrospinale Fixation 76, 77
    Apikale Erfolgsraten: 79 - 97%, durchschnittlich: 92%
    Versager vorderes Kompartiment (Zystozelen): 10-30%, durchschnittlich: 21%
    Versager hinteres Kompartiment (Rektozelen): 0-11%, durchschnittlich: 6%
     
    Sakrokolpopexie 78 (nur mit Typ-1-Polypropylene-Mesh 79 = derzeitiger Goldstandard bei Netzeinsatz)
    Apikale Erfolgsraten abdominale Sakrokolpopexie: 91-100% 80, 81, 82, 83, 84,
    Summe Versager 4 / 347: = Erfolgsrate 99%
    Apikale Erfolgsraten laparoskopische Sakrokolpopexie: 94-100% 85, 86, 87, 88
    Summe Versager = Erfolgsrate 22 / 611: 96%
    Vaginale Erosionen: 3,5% - 8% bei Einsatz eines Typ-1-Netzes 78, 89, 90, 91
    Posteriore intravaginale Schlinge (Tyco-intravaginal slingplasty-IVS) 74-97% 92, 93, 94
    Summe Versager: 7 / 87: = Erfolgsrate 92%
    Vaginale Scheidenstumpf-Suspensionen an den Sakrouterinligamenten: 94-100% 95, 96, 97, 98, 99, 100, 101.
    Summe Versager: 30 / 731: = Erfolgsrate 96%
    Laparoskopische Suspension von Uterus oder Scheide am Sakrouterinligamenten: 79-100% 102, 103, 104, 105, 106
    Summe Versager: 31 / 266: = Erfolgsrate 88%
    Vaginale sakrospinale Hysteropexie: 85-100% 107, 108, 109, 110
    Summe Versager: 15 / 215: = Erfolgsrate 93%

    Ergebnisse randomisierter Studien

    Eine Metaanalyse im Cochrane-Review zeigte, dass im direkten Vergleich die Sakrokolpopexie effektiver ist bei der Behandlung des apikalen Prolapses als die sakrospinale Fixation 56, 111, 112, 113 (EL 1a). Allerdings ist die Operationszeit länger, die Rückkehr zu Arbeiten des täglichen Lebens prolongiert und die Operation ist teurer 111, 112, 113. Bei der Analyse der einzelnen RCT fällt auf, dass die aktuellere Studie von Maher et al. keine signifikanten Unterschiede zwischen den beiden Operationen fand, weder bei der objektiven, noch bei der subjektiven Erfolgsrate 111. Die Studie von Benson et al. wurde vorzeitig abgebrochen, da die Rezidivrate in der Gruppe der sakrospinalen Fixation in der Zwischenanalyse zu hoch erschien 111. Bedeutsam ist, dass hier eine bilaterale direkte sakrospinale Kolpopexie erfolgte, die zu einer extensiven Spannung des Scheidenstumpfes und damit zu einer höheren Rezidivrate führen kann.

    Der Einsatz von Fascia-lata bei der Sakrokolpopexie ist dem Prolene- Netz signifikant unterlegen 56, 84 (LoE 1b).

    Eine gleichzeitige Burch-Kolposuspension während der abdominalen Sakrokolpopexie sollte mit der Patientin diskutiert werden, auch wenn die präoperative Urodynamik keine larvierte Stressinkontinenz zeigt 114 (EL 1b). In dieser Studie war nach der ersten Interimanalyse die Stressinkontinenzrate signifikant höher in der Gruppe ohne Burch-Kolposuspension, so dass die Rekrutierung von Patientinnen vorzeitig abgebrochen wurde. Diese Empfehlung kann derzeit nicht auf andere Deszensusoperationen übertragen werden. Die posteriore intravaginale Slingplasty hatte ähnliche Erfolgsraten wie die sakrospinale Kolpopexie und war der sakrospinalen Fixation nicht überlegen 92 (LoE 1b).

    Fazit mittleres Kompartiment

    Die abdominale Sakrokolpopexie ist eine der am besten und längsten untersuchten Operationen mit der grössten Effektivität (EL 1a). Die laparoskopische Sakrokolpopexie scheint ähnlich effektiv zu sein, wenn die Expertise vorhanden ist 115, 116 (EL 2b). Bei der Sakrokolpopexie sollten resorbierbare Materialien wie Fascia lata wegen der hohen Rezidivraten nicht angewendet werden 84, 117 (EL 1b). Netze aus oder mit Silikon zeigen eine hohe Komplikationsrate in der Deszensus- und Belastungsinkontinenzchirurgie und sollten nicht eingesetzt werden 118, 119 (EL 2a).

    Die sakrospinale Fixation bleibt eine sehr gute Option für die vaginale Suspension des Scheidenstumpfes (EL 1b). Die höheren Rezidivraten im vorderen Kompartiment müssen bei der Operationsplanung bedacht werden.

    Die vorhandenen Studien zeigen, dass der Uteruserhalt diskutiert werden sollte, da die Erfolgsraten auch ohne Hysterektomie akzeptabel sind (EL 2a). Die wenigen vergleichenden Studien zeigen übereinstimmend, dass eine Hysterektomie nicht die Erfolgsraten beeinträchtigt, obwohl in einer Arbeit die subjektive Sanierung des Deszensus weniger häufig erreicht wurde 107. Liegt keine uterine Pathologie vor, sollte die Patientin über die Möglichkeit der Uterus-erhaltenden Operation informiert werden.

    3.5. Mesh-Komplikationen

    Die Arrosionsraten liegen bei bis zu 26% 40, 43, 60, 61, 62, 74, 120, 121, 122. In ca. 50% der Fälle muss zumindest eine teilweise Exzision des Netzes erfolgen, seltener ist eine komplette Entfernung notwendig 83, 120. Ein Risikofaktor für Erosionen scheint sowohl bei der vaginalen als auch der abdominalen Netzeinlage die gleichzeitige Hysterektomie zu sein 89, 90, 123, auch wenn dies nicht in allen Studien zu beobachten ist 91. Bei der vaginalen Implantation stellt eine T-förmige Kolpotomie 123 einen Risikofaktor dar, bei abdominalen Eingriffen vaginale Inzisionen 124. Des weiteren erhöht eine geringere Operationserfahrung das Risiko 37, 121.

    Die symptomatische Retraktion oder Schrumpfung der synthetischen Netze ist ein Problem bei bis zu 19% der Operationen. 62, 63

    Eine Dyspareunie kommt in 17-63% vor 38, 40, 42, 43, 47, 73, 74, 120, 125, sexuelle Dysfunktionen in ca. 26% 60. Die Dyspareunie scheint bei Mesheinsatz im hinteren Kompartiment ausgeprägter zu sein. Eine De-novo-Drangsymptomatik kommt in bis zu 16% vor 122, 125, 126 .

    Ernsthafte Komplikationen der intravaginal slingplasty mit multifilamentem Mesh sind chronische Entzündungen, Fistelbildung, Abszesse und chronische Schmerzen auch bei Defäkation und Geschlechtsverkehr 127, 128, nekrotisierende Fasziitis, Osteomyelitis, Osteonekrose.

    3.6. Generelle Empfehlungen zur Deszensuschirurgie

    Grad-A-Empfehlungen

    Der routinemässige vaginale Einsatz von Polypropylene-Netzen kann aufgrund der hohen Komplikationsrate derzeit nicht empfohlen werden. Den höheren Erfolgsraten von ca. 10% stehen Komplikationen inklusive Re-Operationen wegen Netzerosionen und anhaltende Dyspareunie bis zu 25% gegenüber, über die die Patientin präoperativ informiert werden muss.

    Grad-B-Empfehlungen

    Hinweise zum Einsatz von synthetischem Netz

    Die vaginale Einlage eines synthetischen, nicht-absorbierbaren Netzes sollte nur nach sorgfältiger Abwägung der Vor- und Nachteile für die Patientin erfolgen. Die Indikationen können derzeit noch nicht klar definiert werden. Mögliche Indikationen sind ein Rezidiv- oder Totalprolaps mit Risikofaktoren wie Adipositas, chronisch-obstruktive Lungenerkrankung und Zeichen einer generellen Bindegewebsschwäche. Die Patientin muss über die Erfolgsraten der Operation mit und ohne Netz, über Behandlungsalternativen, über die möglichen Komplikationen genau aufgeklärt werden. Es muss ausserdem auf die fehlenden Studien zur Langzeitentwicklung der vaginalen Netzanwendungen hingewiesen werden. Eine regelmässige postoperative Erfassung von Beckenboden-Funktionsstörungen und der Lebensqualität wird empfohlen, um die Operationstechniken und Indikationen überprüfen und ggf. anzupassen zu können.

    3.7. Operatives Vorgehen bei Deszensus und Belastungsinkontinenz

    Eine prospektiv-randomisierte Studie von Meschia et al. konnte zeigen, das die gleichzeitige Einlage eines TVT-Bandes bei vaginaler Deszensusoperation der alleinigen Colporrhaphia anterior überlegen ist bei larvierter Stressinkontinenz (objektive Kontinenzrate nach 2 Jahren 92% versus 56%, p<0,01) 129. Die Komplikationsraten unterschieden sich in den beiden Gruppen nicht. Allerdings berichteten 12% der Patientinnen in der TVT-Gruppe subjektiv über eine De-novo-Drangsymptomatik verglichen mit 4% in der Vergleichsgruppe (p=0,66). Brubaker et al. randomisierten 322 Pat. mit Scheidenstumpfdeszensus, die subjektiv keine Belastungsinkontinenz hatten, in zwei Gruppen. 114 In der einen Gruppe wurde nur eine abdominale Sakrokolpopexie durchgeführt, in der anderen zusätzlich eine Kolposuspension. Drei Monate postoperativ hatten 23,8% der Patientinnen mit Burch und 44,1% der Pat. ohne Burch objektiv Zeichen einer Belastungsinkontinenz, subjektiv klagten 24,5% der Pat. ohne Burch und 6,1% der Pat. mit Burch über eine Belastungsinkontinenz. Die Rate an Drangbeschwerden unterschied sich zwischen den beiden Gruppen nicht (32,7% versus 38,4%). Weitere randomisierte Studien sind hier nicht ausgewertet, da sie Verfahren beinhalteten, die heute nur noch selten verwendet werden (Nadelsuspensionen z.B.). 56

    Fazit

    Aufgrund der eingeschränkten Datenlage kann derzeit keine Empfehlung für oder gegen eine simultane Inkontinenzoperation bei larvierter Stressinkontinenz gegeben werden.


Literatur:

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Verfahren zur Konsensbildung:

Erstellungsdatum:

08/1998

Letzte Überarbeitung:

06/2008

Überprüfung geplant:

12/2010


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Stand der letzten Aktualisierung: 06/2008
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